Dienstag, 11. Dezember 2012
Wenn die Mutter im Sterben liegt, dann ist einfach Ausnahmezustand.



Brauche seit gut einer Stunde und gefühlten zwei Bieren einen der mich vom Küchentisch abholt. Einer der sagt, ja ist alles scheiße, aber komm ins Bett, ich kuschel dich, betrink dich doch nicht, heute ist erst Montag. Komm, alles wird gut. Und wenn auch nicht in voller Länge, aber für heute Nacht, denn ich werde dich im Arm halten du wirst die Woche überstehen. Oder wenigstens den nächsten Tag. Komm einfach mit ins Bett.



Das sind keine dicken Titten, das sind Muskeln.

Ich war ausgeschlafen und nicht verkatert. Der Tag verlief dennoch nicht anders als jeder anderer Alltag. Kein Bier ist also auch keine Lösung. Nun denn, Prost.

Gegen Abend kam ein Nachbar zu Besuch. Ich bin mir recht sicher dass ich über diesen Nachbarn noch nie etwas geschrieben habe, und dabei stellte ich heute Abend bei seinem Bescuh fest, dass wir uns nicht nur ziemlich ähnlich in unserer Lebensführung sind sondern ich dabei auch noch ziemlich gut verstehen. Er ist fünfzig aber wenn man ihn kennenlernen würde, würde man ihn locker auf vierzig schätzen. Er lebt alleine ganz oben rechts (ich wohne ganz unten links). Er kam vorbei damit ich eine Karte für eine Feier der Vermieter unterschreibe. Ich bot spontan Bier an. Bier ist da! Ja, ein Gläschen, aber keine ganze Flasche. Wir kamen ins Reden und er ließ nachschenken. Gutes Gespräch. Gespräch auf hohem Niveau. Wie es einem geht, was einen bewegt, was einen hemmt. Ihm gefiel es bei mir. Ich glaube es gefällt einem generell bei mir, bei mir ist gemütlich. Bei mir ist gemütlich, Bierchen und Quatschen gut.

Er hätte keinen Freund. Ich auch nicht, entgegne ich. Mal hier und da Spaß, auch zu Genüge, aber nichts ernstes. Nee, ich auch nicht, ist bei mir ähnlich. Nee nee, bei uns in der Szene ist das noch anders, höhere Durchlaufquote. Müde lachend antwortete ich, dass meine Durchlaufquote da locker mithalten kann. Er schaut mich kurz erstaunt an aber dann ist das Eis gebrochen und wir stellen fest, dass wir völlig gleich leben, er da oben mit irgendwelchen Männern, ich hier unten mit irgendwelchen Männern.

Am Ende, nach ein paar Bierchen verabschiedet er sich, das müssten wir öfter machen. Ja, das hört sich nach Freundschaft an. Wie klasse dass man im gleichen Haus wohnt.

Aus der Kategorie: wie sich Freundschaften ergeben.

Vorher eine Stunde mit der Lieblingsfreundin telefoniert. Kurz den Plan durchgespielt, wie ich Teilvollmacht über meine Mutter gerichtlich einklagen könnte, dann Erbteil einfordern könnte, davon Heimplatz für sie finanzieren, bei diesem ganzen finanziellen Krieg den Vater verlieren würde, aber meine Mutter wäre versorgt und bei der Hälfte von einer Mio würde auch noch was für mich übrig bleiben, für eine Selbstständigkeit - nur so ein Plan B! Hört sich gar nciht so schlecht an, antwortet sie überlegend...ich lasse sacken....ja stimmt....ist die Alternative zu "meinem Vater jetzt wieder drei Wochen gut zureden" und er heizt die nächste Pflegepolin durch...Wir suchen nach einer Lösung und halten fest, dass ich noch eine Pflegefrau mitmache, und wenn er die auch verheizt und ich das Gefühl habe für meine Mutter ist die Versorgung nicht gewährleistet und unerträglich, ziehe ich den Krieg. Weißt du, sage ich der Lieblingsfreundin (kenne ich seit dem ersten Unitag), für mich wäre es gar nicht mehr schlimm in Streit mit meinen Vater auseinander zu gehen. Diese Familie hat mich jetzt fast vierundreißige Jahre gefickt, ich kann nicht mehr. In dieser Familie hat jeder immer seinen Vorteil gesucht und jetzt bin ich damit dran.

Das unendlich traurige daran: ich meine das ernst. Die Lieblingsfreundin weiß das.