Montag, 7. Januar 2013
Gestern hörte ich nicht auf zu schreiben, kam auf dies und das und merkte irgendwie, dass was zu erzählendes fehlte. Jetzt ist es wieder da. Und es ist viel wichtiger für mich darüber zu schreiben und das für mich festzuhalten, als über Haarlänge oder smalltalk in der Muckibude zu berichten: die neue Pflegefrau ist am We angereist. Wir hatten sie Mitte Dezember ausgesucht. Das läuft recht seltsam ab, dieses Aussuchen (wenn es über eine Agentur läuft): man bekommt eine Handvoll ausgefüllte Bewerbungsbögen per Mail zugeschickt und trifft auf dieser Grundlage eine Entscheidung. In den Fragebögen wird nach Name, Alter, Größe, Gewicht gefragt. Größe und Gewicht ist nicht unwichtig. Mein Vater will immer schlanke Frauen, weil das Bad neben dem Pflegezimmer (früher Wohnzimmer) so eng ist. Hört sich so bekloppt an, aber an so einen Scheiß muss man halt auch denken. Meine Mutter im Rollstuhl und dann noch eine weitere Person in diesem kleinen Badezimmer: das muss schon passen. Weiter im Fragebogen wird nach Alk und Rauchen gefragt und natürlich kreuzen alle nein an ;-) Mein Vater war zu Beginn überrascht dass die alle nichts trinken und nicht rauchen. Ich machte ihm klar dass man sowas auch in einem Bewerbungsbogen nicht angibt. Ach ja, stimmt, leuchtete ihm ein. Danach wird nach Berufsausbildung, Pflegeerfahrung, Deutschkenntnisse (sprechen, verstehen, lesen, schreiben) gefragt. Die Frauen füllen das selbst aus. Man liest ihre Handschrift. Alles läuft über Selbsteinschätzung. Bei den Deutschkenntnissen stufen sich die meisten schlechter ein als sie sind. Und natürlich trinken alle. Unwunderlich, bei der Belastung. Die Neue raucht sogar. "Mal eine" ;-) Ist uns doch scheißegal ob die rauchen oder nicht. Und der Weinkeller ist bestens gefüllt. Und für die letzte kaufte mein Vater extra guten Wodka, weil sie gerne Wodka trank. Ich weiß noch nicht was die Neue trinkt, sogar schwer einzuschätzen, aber wenn sie Wein mag, ist sie bestens aufgehoben. Der Weinkeller von meinem Vater ist gigantisch. Und verdammt gut. Es könnte aber auch sein dass sie gerne Bier trinkt. Sie ist so bodenständig, finde ich. Sie ist Künstlerin, sehr gebildet, spricht gut deutsch und nach zwei Minuten Smalltalk und eine Minuten schweigend in die Augen schauen, unterhielten wir uns über Musik, Kunst, Sprachen, Länder, Kulturen. Wir fanden direkt Gemeinsamkeiten und ich stellte ihr im Küchenradio erst mal Funkhaus Europa ein. Überhaupt zeigte ich ihr erstmal wie das Küchenradio funktioniert und dass bei uns auch immer Musik läuft. Das sind alles so eine Mio Kleinigkeiten die man zeigen muss, diesen Frauen, die auf einmal da sind, einen aus der Familie vierundzwanzig Stunden pflegen und auf einmal mit Hundert Prozent zur Familie gehören. Da gehört auf einmal einfach ein fremder Mensch zur Familie. Das ist heftig.

Ich coachte meinen Vater heute wieder am Telefon, es ist so unglaublich für mich zu erleben, dass andere Menschen wirklich keine Kompetenz besitzen, sich in andere Menschen hineinzufühlen. Sie hätte es sehr schwer mit dem Rollstuhl über die kleine Stufe. Papa!, sie ist noch keine drei Tage da! Ich coachte ihn noch mal kurz und knapp und weiter und entweder bin ich im Coaching besser geworden, oder er hat dazugelernt. So oder so: anspruchsvollster Coachingauftrag ever.

Vor ein paar Monaten traf ich mich zum Mittagessen mit einer früheren Dozentin bei der ich ein Vertiefungsseminar im Hauptstudium zwei Semester belegte. Ich schätze sie ist fünf Jahre älter als ich. Sie war damals gerade am Promovieren. Sie wohnt zwei Straßen weiter als ich und so verloren wir uns nie aus den Augen. Ich erzählte ihr beim Essen was bei uns zu Hause los ist, wie schwierig das für meinen Vater jemanden einzuarbeiten und einleben zu lassen und wie anstrengend das für mich ist, ihn zu coachen. Sie sagte mit ihrem russ. Akzent, dass das doch super klasse für mich sei, denn das sei jetzt wichtig für mich, all das was ich dabei lernen würde. Warum?, fragte ich sie verständnislos. Das sind Kompetenzen die du brauchen wirst wenn du dann später als Geschäftsführung arbeiten wirst. Sie sagte das so klar und direkt heraus, als gäbe es für sie keinen Zweifel daran, dass ich früher oder später Geschäftsführerin bin.