Mittwoch, 17. Juli 2013
Ich erinnere mich noch genau an den Abend, an dem ich mich bei ihr vorgestellte. Ich hatte noch die eine Stelle weit weg, zwei Stunden Anfahrt täglich, meine Mutter hatte gerade ihre Diagnose erhalten und mein Herz war frisch gebrochen. Das Bürogebäude in zentraler Lage war schon leer, nur sie und ich, zu später Stunde, ich nach einem vierzehn Stunden Tag. Wahrscheinlich war ihrer auch nicht kürzer.
Sie ist klein, so wie ich. Meine Mutter sagte mal, dass wir kleinen Menschen geschäftlich immer gut mit anderen kleinen Menschen können, weil auf Augenhöhe.
Sie ist eine feine Frau. Klein und unendlich zierlich. Die dunklen Haare trägt sie wie eine Parisienne im Pagenschnitt. Sie ist stets edel gekleidet, aber nie aufgemotzt. Ein feiner, schlichter Kleidungsstil. Sie ist so klein und zierlich, dass ich daneben groß und stark wirke. Wir unterhielten uns über meine Heimatstadt, die auch ihre ist und kamen schnell auf das hiesige Schauspielhaus zu sprechen. Sie bot mir Wasser an, was ich auch brauchte. Sie bot mir eine andere Stelle an als diese die ausgeschrieben war. Meine Bewerbung hatte sie über die Schwester der Lieblingsfreundin erhalten (die ich zu dem Zeitpunkt noch gar nicht kannte). Der Vater der beiden hat sehr großen wenn nicht sogar den größten Einfluss auf den Saftladen. Ich sagte die Stelle spontan zu, verabschiedete mich und es war gut. Am ersten Arbeitstag fragte mein Bauchgefühl, ob das nicht eine Fehlentscheidung gewesen sei. Ich fühlte mich wie in einer miesen Welt die ich nie zuvor kennengelernt hatt. Ich biss die Zähne zusammen. Als ich Überstunden machte, noch und nöcher, als sie mich mobbten, als die Vorgesetztenhexe mich anlog und über mich Lügen verbreitete und als alles nach Weltuntergang aussah.
Die Krankheit meiner Mutter nahm ihren Lauf. Ich weinte entweder wegen der Arbeit oder wegen meiner Mutter. Ich weinte nur noch. Und ich fing an Bier zu trinken.
Als ich das erste mal vor der Entscheidung stand zu kündigen ohne einen neuen Job in Aussicht zu haben, hatte ich ein gutes Gespräch mit dem damaligen Zwischenhändler zu der feinen Frau ganz oben. Er bot mir eine andere Stelle an. Ich schob Zweifel beiseite, freute mich, und landete bei der nächsten Hexe. Wieder hielt ich durch. Aber meine Mutter nicht mehr. Ich fragte die feine Frau nach einem Termin, wir saßen beisammen, ich war auf Verhandlungen vorbereitet, legte kurz die Fakten mit meiner Mutter auf den Tisch und schlug Stundenreduzierung oder - wenn nicht möglich - Auflösungsvertrag vor. Das Gespräch verlief völlig anders als erwartet. Ich sehe jetzt noch den Hals der feinen Frau als sie fragte welcher Jahrgang meine Mutter sei und ich ein Jahr jünger als ihren antwortete, ich sehe jetzt noch dieses Schlucken an ihrem dürren Hals. Sie änderte meinen Vertrag so, dass ich einen Tag pro Woche frei hatte um Zeit mit meiner Mutter zu verbringen und der Vertrag nur um vier Stunden Arbeitszeit pro Woche verkürzt wurde.
Es gab ein weiteres Gespräch zwischen uns als ich zur Filiale in die Heimatstadt wechselte. Und dann noch eins zusammen mit der damaligen Chefin. (Ich war dort immer auf Positionen wo ein oder zwei Leute zwischen ihr und mir standen). Und ich weiß, sie kann keine Gespräche führen. Und ich weiß auch dass sie dennoch diesen Saftladen lange und gut und mit Herz führen konnte. Und ich weiß auch dass sie nächstes Jahr in Rente geht. Und ich nehme an, sie schläft heute nacht schlecht, denn als sie heute am Telefon fragte, warum ich so dringend einen Termin bräuchte, wo es brenne und ich nur sagte, dass wir das morgen besprechen....