Donnerstag, 17. Oktober 2013
Das ist neu: ich denke mich nicht mehr in irgendwas rein. Ich kann nehmen was so kommt, manches stimmt mich fröhlich, manches stimmt mich traurig. Und nichts gewinnt Überhand. Das fühlt sicht gut an.



Der neue Job ist nach wie vor klasse und mir geht es gut. Ich fahre gerne morgens dorthin und ich arbeite gut und es macht Spaß. Das Kollegium ist klasse. Es tut unheimlich gut Arbeit nicht als Belastung und größten Energieräuber zu erleben. Ich fühle mich wie neugeboren, ein neues Leben. Ich muss mich erst mal daran gewöhnen. Ich könnte Stories erzählen was für tolle Sache dort abgehen, aber wahrscheinlich bin ich schon zu sehr daran gewöhnt nur Kummer runterzuschreiben...
pms ist im Anmarsch und ich habe mich heute in zufriedener Stimmung auf dem Rückweg noch gefragt, wie sich das dann jetzt wohl äußern wird. Ich war nach der Arbeit laufen, ein paar Klimmzüge, ein paar situps usw. Herrlich. Danach habe ich eine neue Häkelarbeit erneut aufgenommen (versuche mich seit einer Woche an einem neuen Muster...) und dann gerade kam doch was hoch was mich sehr traurig stimmte. Ich hatte eine Heulerei wegen Singledasein erwartet und dass ich bald wirklich Mitte dreißig werde schwirrt eh die ganze Zeit in meinem Hinterkopf rum, aber irgendwie ist der Schritt-für-Schritt-Gedanke dann doch stärker und jetzt ist erst mal Baustelle Nr eins aka Job positiv geändert und dann wird das nächste Gute auch bald kommen. Ich bin mir fast ziemlich sicher.

Meine Mutter. Es tut einfach weh. Es hört nicht auf. Ich breche zwar nicht mehr wie vor Jahren in Tränen aus, selbst jetzt nicht wenn es wieder mal so akut weh tut, und dennoch tut es weh wie eh und je. Die Zeit heilt keine Wunden die nicht aufhören zu bluten, sie schenkt höchstens Gewöhnung. Wie es sich anfühlen wird wenn sie stirbt, frage ich mich. Und wie sich das ab dann für mich anfühlen wird. Anders, wahrscheinlich. Ich war gestern nach der Arbeit in der alten Firma, nur die liebe Kollegin und mein lieber Nachfolger waren da (wusste ich, wäre sonst auch nicht hingefahren). Vom lieben Nachfolger ist neulich die Mutter gestorben, einfach so, über Nacht. Keine Vorerkrankung oder so, nichts, eine ganz normale Frau von Ende fünfzig (meine ich). Ich fuhr ihn nach Hause und vor seinem Haus fing er an zu erzählen und Tränen standen in seinen Augen. Er brachte kurz die Fragestellung auf, was schlimmer sei, so wie seine Mutter verstorben ist oder wie das mit meiner Mutter aussieht. In wenigen Sätzen klärten wir, dass es dazu keine Frage gibt - das ist unbewertbar. Wir umarmten uns zweimal feste und von Herzen. Ich mag ihn wirklich sehr und wir verstehen uns sehr gut. Er erwähnte selbstvorwurfsvoll dass er viel trinken xxx rauchen würde. Ich sagte ihm, dass er sich dazu keine Vorwürfe machen solle, wenn man sich in so einer Zeit betäubt, sei das doch menschlich und ich kenne niemanden, der Herz hat und sowas mal "eben so" wegsteckt. Er hat übrigens nebenbei noch einen Rechtsstreit (er ist im Recht) bzgl. einer neuen Wohnung am Hals und dem Vater geht es zusätzlich gesundheitlich sehr schlecht. Er hat keine Geschwister.

Heute ist Tag meiner Eltern. 1710. Es ist ihr Kennlerntag und wurde irgendwie zu einem Datum in unserer Familie. Ich weiß nichtmals wann ihr Hochzeitstag ist. 1710 war immer der Tag. Ich hatte vorhin kurz überlegt meinen Vater mal anzurufen.

Trockener Humor wurde in meinem Elternhaus immer schon groß geschrieben. Wenn wir jetzt mal was vergessen oder uns was nicht einfällt heißt es immer: Scheiß Alzheimer, ist einfach ansteckend!

Ich habe meinen Vater nicht angerufen. Vielleicht hat er den Tag heute einfach vergessen. Vielleicht wollte ich nicht in Wunden bohren. Vielleicht wollte ich mir das nicht antun. Vielleicht hat er schon längst eine Flasche vom besten Wein gekippt.

Alle Autos bei uns in der Familie hatten früher die 1710 auf dem Nummernschild. Ich fahre wahrscheinlich das Letzte davon. Bis nächstes Jahr noch. Danach wird es vllt die 2712.

Irgendwas mit pms, einer Grundzufriedenheit, ein wenig Zukunftsorgen, ein bißchen Trauer und ein paar Leichtbier. Nicht alles zu viel.