Sonntag, 18. Dezember 2011
Ich bin nicht in Weihnachtsstimmung. Ich war noch nicht wirklich auf dem Weihnachtsmarkt, ich habe bisher nur ein Geschenk (eine Überraschung!), ich habe den Terminkalender diese Woche voll, bis auf einen Adventskranz keine Weihnachtsdeko, noch keine Weihnachtslieder auf dem Akkordeon gespielt und an Liebe fehlts mir auch.

Letztes ist gelogen. Die Bierfreundin und ich fühlen uns verbunden wie nie, die andere liebe Freundin ist enddankbar für meine Umzugs- und Renovierungshilfe an den letzten beiden Wochenenden, der Fußballguckfreund umarmt mich herzlich und Oma hat sich sehr sehr sehr über meinen Besuch im Altenheim heute gefreut. Und ich glaube auch die alte Dame die heute gestürzt ist auf dem Bürgersteig als ich auf dem Weg zu Oma war und sofort angehalten habe, ausgestiegen bin um sie aufzuheben, ist dankbar dass es mich gibt.

Verrücktes Leben.



Freitag, 16. Dezember 2011
Um kurz vor elf endlich zu Hause angekommen, endlich Feierabend, mache ich natürlich noch ein Bier auf. Der Trick nun wird sein, mich nicht reinzudenken und nicht eine weitere Nacht weinend einzuschlafen. Zwei Nächte hintereinander weinen macht mein jugendlicher Körper nicht mit. Fühlte ich mich heute schon sehr verquollen aussehend, wird man mir es nach so einer weiteren zweiten Nacht morgen ansehen. Also jetzt Bierchen genießen und cool bleiben, positive Gedanken fassen.

Meiner Mutter geht es immer schlechter. Sie fühlt sich verloren, verloren bei sich selbst. Ich glaube Kopfkrankheiten sind die schlimmsten. Mittlerweile ist sie zwei drei mal die Woche in einer Tagespflege. Sie fühlt sich dort abgeschoben, verloren, ungeliebt, doof, krank. Ich erzähle der Bierfreundin davon. Die Bierfreundin ist auf Zack. Das sei doch klar, bei dem Krankheitsbild, bei dem sie so sehr auf Vertrautes bauen muss, dass sie sich dort erst mal unwohl fühlt. Das wäre doch ganz seltsam gewesen wenn sie sich dort in der fremden Umgebung auf Anhieb wohl gefühlt hätte. Ja, stimmt, ist was dran.
In der Mittagspause mache ich kurz einen Zwischstop bei meinem Vater. Naiv wie ich bin erwarte ich tröstende Worte nach der durchheulten Nacht, in der ich in aller Genauigkeit nochmal die komplette Krankheit durchgegangen bin und noch mal haarscharf nachgedacht habe, was man noch machen kann. Meine Vorschläge werden abgeschmettert mit den Worten: bei dem Krankheitsbild...

Alle reden von dem Krankheitsbild, ich rede von den Gefühlen meiner Mutter.

Ich erinnere mich noch gut an das eine Gespräch mit meiner Mutter vor ein paar Jahren, kurz nach der Diagnose. Sie stand da in der Küche, spülte, ich stand in der Terrassentür, rauchte, wir redeten und sie sagte schließlich, so ihr Leben zusammenfassend abschließend, dass sie letztendlich niemanden hätte in ihrem Leben mit dem sie sich verbunden fühle, da sei nur ich. Ich habe nur dich, sagte sie. Und hatte Tränen in den Augen. Vielleicht vor Angst.

In der Zeitung sehe ich in letzter Zeit öfter die Werbung für das Lokalradio. Darin sind immer Fotos von dem Moderator und einer Moderation abgebildet. Der Moderator machte machte damals Zivildienst bei meiner Mutter. Er saß eines Tages heulend im Treppenhaus. Meine Mutter als Obervorgesetzte suchte ihn und als sie ihn fand, setzte sie sich zu ihm. Sie erzählte mir das damals. Sie setzte sich zu ihm auf die Treppe. In ihrem schicken Kostüm. Einfach auf die Treppe, neben ihn. Warum er weinen würde. Er wäre extra nicht zum Bund gegangen weil er keine Befehle annehmen wollte und jetzt hätte er genau das im Zivildienst. Sie redete mit ihm und ich weiß nicht genau was sie ihm sagte aber es war wohl irgendwas wie das (Berufs-)leben tickt. Sie sprach noch oft von ihm wenn sie ihn im Radio hörte und er schickte noch oft Weihnachtskarten und Geburtstagsgrüße.

Ich erinnere mich auch nocht gut an die Zeit direkt nach der Diagnose. Ein Satz holt mich jetzt ein: ich werde irgendwann nichts mehr mitbekommen, werde in meiner eigenen Welt leben, und ich werde das schon aushalten, ich bekomme das dann einfach nicht mehr mit. Aber für dich, für dich wird es der Horrortrip.

Und genau da bin ich jetzt.



Sonntag, 11. Dezember 2011
Es war fast ein Wochenende wie jedes seit Monaten: Freitag wieder so viel getrunken, dass die nächsten zwei Tage gelaufen waren. Es ist schrecklich. Ich bin Freitags einfach maßlos. Ich bin Freitags einfach fertig. Ich bin Freitags einfach von so dermaßen von der Woche angekotzt, dass nichts mehr geht.

Dieses We war trotzdem anders. Samstag morgen habe ich mich (total unverantwortungsvoll) ins Auto gesetzt und bin in die Nachbarstadt gefahren (mit achtzig auf der ganz linken Spur auf der Autobahn) um der lieben Freundin beim Wohnung renovieren zu helfen. Habe Wände getrichen und eine Küche komplett umlackiert. Ich kann übrigens sehr gut lackieren, habe ich festgestellt. Die anderen Helfer waren von meinem handwerklichen Geschick sehr angetan. Die Freundin sowieso. Zwischendurch bin ich zweimal kotzen gegangen, habe mich danach zitternd kurz an die Heizung gesetzt und dann weitergemacht. Schrecklich.

Schrecklich war auch das Besäufnis am Freitag. Ich bin mir nicht mehr sicher ob ich über meinen Chef gelästert habe als noch alle oder nur noch der Lieblingskollege da waren. Ich versuche mich bei diesem Kopfkino damit zu beruhigen, dass ich mich selbst im Ausnahmezustand sehr gut auf mich verlassen kann, und sicherlich trotz Pegel gefiltert erzählt habe. Dennoch bleibt der schale Beigeschmack, dass ich mich daneben benommen habe.

Daneben benommen habe ich mich auch heute, als ich nach der zweiten Runde renovieren auf einem Geburtstag war und mich nach genau dreißig Minuten wieder verabschiedet habe. Ich konnte da aber heute echt nicht drauf. Stattdessen habe ich Gas gegeben in der Hoffnung noch wenigstens die zweite Hälfte vom Sonntagsspiel zu sehen, hat aber nicht geklappt. Ich erreichte die Kneipe bei Abpfiff und mit Tränen in den Augen. Zu allem Überfluss bin ich auch noch schön volle Kanne rückwärts in einen Pöller gefahren, den ich irgendwie vorher visuell nicht wahrgenommen hatte.

Also: mal wieder zu viel getrunken, mal wieder das Gefühl nichts geschafft zu haben, mal wieder Pippi in den Augen, mal wieder burnout, aber die olle Küche der Freundin gerettet, eingekauft, gewaschen, gespült, fünfundvierzig Minuten auf dem Laufband (bei zehnkmh) gerannt, mit zwei fremden (evtl lesbigen) (!) Frauen mein Salz im Dampfbad geteilt, dem verheirateten Mann auch noch Salz gegeben (sah den Ring als ich ihm das Salz in die Hände schüttete), dem guten Dönermann einen neuen Kunden beschert und nett gesmalltalked, den Fußballguckfreund nach Hause gefahren und mich angestrengt nicht in Depressionen zu verfallen. Geht doch eigentlich.