Sonntag, 25. Dezember 2011
Als ich gestern mit meinen Eltern beim Essen zusammen sitze, will meine Mutter meinem Vater und mir was erklären, aber sie kann die richtigen Worte nicht mehr finden und auch nicht mehr in Sätze zusammenfügen. Sie sieht uneheimlich schlecht aus, die Augen so klein, die ganze Zeit halb geschlossen. Seltsamerweise ist sie gut gelaunt. Irgendwas passt nicht zusammen und ich frage meinen Vater was los sei. Sie bekommt jetzt noch ein Medikament, eins für gute Laune. Im ersten Moment bin ich schockiert. Ich suche die Packungsbeilage und lese, es ist ein Medikament für A.patienten die agressiv anderen gegenüber sind. Meine Mutter ist null agressiv. Im ganzen Krankheitsverlauf war sie nur einmal, vor Jaahren wütend und hat ein Glas durch das Wohnzimmer geschmissen weil mein Vater sie irgendwie geärgert hatte aber ansonsten ist sie lieb, die ganze Zeit. Sie geht nicht an den Herd oder zerstört irgendwas oder sonst was. Sie sagt dann: nein, dass kann ich nicht. Ich weiß nicht genau was agressive A.patienten machen, aber ich weiß dass meine Mutter nicht agressiv ist und auch nicht irgendwas macht, was daneben gehen könnte (Kerzen an oder sowas).
Nach dem ersten Schock über dieses krasse Medikament wird mir plötzlich klar, es geht nur noch darum es erträglich zu machen, für sie und für uns (und für die Pfleger in der Tagespflege, die das Medikament initiiert haben..). Sie fängt an uns was zu sagen. Sie schafft es in einem Satz auszusprechen, dass sie uns liebt aber ich verstehe den Rest nicht wirklich. Ich verstehe nicht ob sie sagen will, dass das ok ist wenn sie drei Tage in der Woche in der Tagespflege ist oder ob sie es dort nicht aushält. Es kann auch sein dass sie uns sagen wollte, dass sie in ein Heim will. Das sei jetzt einfach so, sagt sie, sie könne nichts dafür, aber so, jetzt gut, ok. Ich hätte das direkt aufschreiben müssen, ich krieg das Kauderwelsch jetzt nicht mehr zusammen.
Jedenfalls war der Abend gestern schön soweit. Irgendwann sitzen wir drei zusammen im Wohnzimmer nah beieinander auf der Couch, die Kerzen am Tannenbaum brennen langsam runter, ich lese meinem Vater aus dem Buch vor was ich ihm schenkte, wir beobachten was im Haus gegenüber so passiert und trinken das Bierchen aus. (Seltsamerweise betrinken wir uns nicht und ich kann sogar noch Autofahren.)
Als mein Vater kurz das Wohnzimmer verlässt sprechen meine Mutter und ich irgendwas, sie sagt ich sei doch immer nett und noch irgendwas und ich fange an zu weinen. Plötzlich ist sie für ein paar Augenblicke total klar. Zwei drei Minuten lang. Sie fragt was denn los sei und ich müsse doch jetzt nicht weinen und traurig sein, warum denn, nein, wegen ihr doch nicht. Ich kann das jetzt gar nicht wiedergeben aber sie schaute mich einfach völlig klar an und redete tröstend auf mich ein. Dann nahm sie mich in den Arm und ich konnte aufhören zu weinen.

Ich verstehe das menschliche Gehirn nicht. Da ist alles kaputt aber irgendwo müssen noch Resourcen sein so dass der Mutterinstinkt noch funktioniert wenn es sein muss.



Samstag, 24. Dezember 2011
Mein Vater führt ein Doppelleben. Ich komme leider in dem Teil vor, den er nicht so mag. In dem anderem Teil kommen hohle Frauen vor, wurde heute mal wieder bestätigt, aber nun gut, was solls. So langsam verstehe ich: jeder macht sein eigenes Ding.

An meinem edlen Winterpullover befindet sich seit heute ein roter Eddingfleck weil ich sponantn einen Workshop moderiert habe und dieser fuckin´Stift irgendwie rumspinnen musste. Nun gut, was solls. So langsam verstehe ich: meine Selbstwahrnehmung enspricht nicht meiner Selbstwirkung.

Ich habe es mal wieder verpasst Weihnachtskarten zu verschicken. Statt dessen jetzt mal eben in Bierlaune eine Email für mein hochwertiges Netzwerk verfasst. Ich lese das morgen aber noch mal nüchtern durch eh der Text rausgeht. Ich schicke dieses Jahr keine Karten sondern eine Email, nun gut, was solls. So langsam verstehe ich: besser eine Mail als gar keine Meldung.

Den Abend und das Freitagsbierchen habe ich spontan mit geschätzten zehn Pärchen statt alleine verbracht, ein paar Flirts draußen beim Rauchen kamen auch ncoh bei rum, aber letztendlich gehe ich alleine ins Bett, nun gut, was solls. So langsam verstehe ich: -----------------------------------



Dienstag, 20. Dezember 2011
Es ist kein Standardabsageschreiben, es ist lang und auf mich zugeschnitten. Letzten Endes ist und es bleibt es eine Absage. Sie trifft mich in der Mittagspause wie ein Schlag in der Magengrube, ich fühle mich als schoss man mir einen dicken schweren Steinbrocken frontal in den Körper und ich fliege vor lauter Wucht zehn Meter zurück. Tränen kommen hoch, ich versuche cool zu bleiben, schicke nur eine sms an die Bierfreundin, fahre zurück ins Büro und bereite meinen späten Termin vor. Es ist unglaublich wie ich über die Autobahn pese und den Termin hervorragend meistere. Es ist fast schon ekelig wie professionell ich geworden bin. Auf dem Rückweg sehe ich nichts. Ich weiß nicht ob es der Regen auf der Frontscheibe oder die Tränen in meinen Augen sind, aber alles blendet, alles ist verschwommen. Ich ziehe trotzdem auf der linken Spur die ganze Baustelle durch.

Ich bin zurzeit nicht dran.