Ich habe mir was Neues erfunden. Was Neues erfinden ist immer gut. Also. Ich trinke nicht mehr bis ich nciht mehr kann oder irgendwie betäubt bin, sondern ich habe die Bierrationierung eingeführt. Ich trinke genau zwei Bier und dann gehe ich ins Bett. Egal wie Zustand, egal wieviel Uhr. Telefonate werden nicht mehr angenommen. Ob noch mehr Bier im Hause ist, spielt keine Rolle. Ob ich gerde schön am Küchentisch versacken könnte weil "noch ein Lied" oder so, zählt auch nicht. Zwei Bier. Durchschlafen. Morgen funktionieren. Kein Stillstand. Blick nach vorn.
Grönemeyer - Bleibt alles anders
overloaded am 31. Januar 12
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Wenn ein enger Blutsverwandter wirklich krank im Kopf ist, fühlt es sich manchmal so an als sei es ansteckend. Und man kämpft dagen an.
Mein Vater ruft mich an um mir zu erzählen, dass er eine Einweisung für meine Mutter ins Krankenhaus hat. Die Medikation muss richtig eingestellt werden, sagt der Neurologe, er könne das ambulant nicht. Auf der Überweisung steht nicht viel. Steht Falsches. Steht noch was von Diagnose von November. Nicht vergleichbar mit ihrem aktuellen Zustand. Ich frage mich wie sie richtig eingestellt werden soll in einer völlig fremden Umgebung, in der Obhut völlig fremder Menschen. Und ich frage mich, wie sie sie dort betreuen wollen. Sie braucht 24h Betreuung. Ich habe Angst um sie. Und es tut mir unendlich weh wenn ich mir vorstelle wie schrecklich einsam und verloren sie sich dort fühlen wird. Und ich kann nichts machen. Ich bin machtlos. Und wütend. Ich wünsche ihr einen Herzinfarkt oder sonst irgendeinen schnellen Tod, aber das was jetzt ist soll einfach nur aufhören.
Ich bekomme seltsame anonyme Anrufe. Versuche ruhig zu bleiben und sie dem Ex einer alten Freundin zuzuordnen, und objektiv betrachtet ist das auch die einzige plausible und naheliegende Option. Aber ich fange an zu spinnen und frage mich wer und was dahintersteckt. Ich drehe durch, wenn ich jetzt nciht cool bleibe. Aber ich kann nicht mehr.
Und da ist es wieder: immer wieder dieses Kämpfen, immer wieder alles zu viel.
Misstrauisch schaut sie mich an. Ich nehme sie erneut in den Arm und spreche sie mit Mama an. Sie distanziert sich. Ich schaue sie an: sie sieht gerädert aus. Mein Vater steht am Herd, kocht, erzählt mir irgendwas. Nach fünfzehn Minuten sage ich ihm, dass sie mich nicht erkennt. Er schaut traurig zu uns rüber. Mach was! Sie kennt mich nicht! Er nimmt sie in den Arm, sagt meinen Namen, ich sei zu Besuch, unser Kind. Sie klammert sich ängstlich an ihn, murmelt irgendwas. Sie ist verloren in ihrem kranken Gehirn. Es trifft mich der Schlag aber ich kippe nicht um. Seit Jahre weiß ich, dass Tag x kommen wird. Jetzt ist er da. Tag x. Nach einer sechs Tage Woche. Nach viel zu wenig Schlaf. Mitten am Samstag. Bum.
Mein Vater deckt nicht mehr an "meinem" Platz am Tisch für mich ein, sondern neben meiner Mutter. Ich esse selbst kaum was, füttere sie. Sie schaut mich weiter skeptisch an. Nach drei Stunden gehe ich. Sie weiß nicht wer zu Besuch war.
Ich lasse das Laufband langsam anlaufen, sortiere meine Kopfhörer, laufe langsam los. Zappe mich kurz durch die Musik, drehe Kalkbrenner auf und die Laufgeschwindigkeit hoch. Für einen Moment bekomme ich sie noch mit, die auf meine Anzeige schielende Blicke von links und rechts. Ja Jungs, gebt auch mal Gas. Dann höre ich nur noch Musik, sehe mich im Fenster spiegelnd auf der Stelle rennen, spüre dann nichts mehr, keine Beine, keinen kämpfenden Körper, sondern nur noch den dröhnenden Bass durch meinen Kopf strömen.
In der Bar wird das späte Bundesligaspiel nicht vernünftig übertragen, d.h. ohne Ton. Man ist um diese Uhrzeit hier wohl eher auf Dates eingestellt. Und sowas schimpft sich Sportsbar. Pfff. Mein Date ist nicht in Sicht, ich bestelle ein großes Bier. Ich versuche mich schnell ohne Ton in den Spielverlauf reinzudenken, da steht er strahlend vor mir. Groß, blond, lächelnd. Irgendwas mit Umarmung, irgendwas mit Kuss. Er stellt sein Bier auf den Tisch, ja, er saß da hinten schon. Die Bedienung stellt mein großes Bier neben sein Kleines. Unangehme Situation für ihn. Frage mich, aus welchen Beweggründen man überhaupt ein kleines Bier bestellt. Mir fällt nichts ein. Fußball möge er nicht, sagt er, er meint das sei ein Sport der sich nie weiterentwickelt hat. Ich sehe das anders, habe aber keine Argumente parat. (Später fallen sie mir natürlich alle ein.) Ich erläutere kurz, warum ich Fußball liebe. Und frage mich, ihm da so gegenübersitzend, wie er dieses Manko, Fußball nicht zu mögen, noch in meinen Augen wett machen will. Ich exe das Bier und schlage meine Lieblingskneipe vor, "weil ich hier irgendwie heute nicht warm werde" - weil ich weiß dass das Spiel dort vernünftig übertragen wird. Ok.
Wir sitzen nicht an meinem Lieblingsplatz an der Theke sondern da hinten in der Ecke, wo Verliebte sitzen. Ich kann das Spiel trotzdem gut verfolgen. Wir unterhalten uns recht gut, doch ich spüre den Altersunterschied. Aber ich spüre auch seine Sensibilität. Nach dem zweiten Bier erzähle ich kurz von Tag x, der da heute ist. Ich mag seine Reaktion. Es tut gut. Wir gehen also zu mir.
Gemütlich sei es bei mir. So insgesamt. Die Wohnung, die Musik, die Stimmung. Wir hören Musik, reden, schauen Fotos an und irgendwann küsst er mich. Plötzlich wird mir alles zuviel als sei ich bekifft, als sei ich nicht mehr Herr der Lage. Ich lehne mich zurück, weg von ihm. Wir können das alles ganz langsam angehen lassen, höre ich ihn sagen. Und so nehme ich ihn mit in mein Bett.
Irgendwann wache ich von meinem eigenen Furz auf (irgendwie witzig :-) ) und bin wie erstarrt, weil ich nicht weiß ob er schläft oder wach ist. Und schäme mich natürlich sehr. Aber er lässt sich nichts anmerken. Und er ließ sich auch nicht anmerken, dass wir 15 Minuten vor dem Date aneinander vorbeigelaufen sind.