Sonntag, 12. Februar 2012
Bei mir im Fitessstudio ist so eine Frau, die redet immer mit sich selbst. Heute habe ich sie schon im Aufzug getroffen. Im ersten Moment denkt man, sie hat einen Knopf im Ohr und telefoniert, aber recht schnell checkt man, dass sie wirklich mit sich selbst redet. Ich schätze sie ist in etwa so alt wie ich. So vom Körper her jetzt. Da sie auch immer wie ich bei den Schränken in der Umkleide ganz hinten in der Ecke ihre Sachen ablegt, habe ich sie schon oft nackt gesehen. Sie trägt sehr schöne Wäsche. Ich nicht, btw. Habe nicht ein einziges passendes Set - sprich Höschen und BH passend. Nur eine handvoll edel-Tangas, die ich aber weder vorm noch beim noch nachm Sport trage. Wobei ich nur teure BHs besitze - anderes Thema. Also diese Frau. Diese blonde Frau mit den meiner Meinung nach für ihre Größe recht großen Brüsten und eben der schönen Unterwäsche. Blond. Nicht wirklich super Körper, aber schon etwas trainiert, nicht sehr schwabbelig oder so. Heute im Aufzug schaute sie in die spiegelnde Scheibe und sagte zu sich: schau mal wie du aussiehst. Gar kein Lidschatten. Also nee, jetzt schau dir das mal an. Die anderen beiden (Männer) im Aufzug waren perplex, ich wusste direkt wer da hinter mir stand. Seltsamerweise sehe ich sie nie trainieren. Vielleicht macht sie Kurse. Ich bin ja nur auf dem Laufband (und dem Gerät für Bauch), und nicht wirklich mit irgendwem da verbunden. Wobei mich das direkt zu der nächsten Person führt, die ich oft dort treffe. Ich nenne ihn Mr. Miyagi und mag ihn sehr. Ein kleiner, alter, zierlicher, durchtrainierter, asiatischer Mann. Treffe ihn sonst nur in der Sauna, aber heute trainierten wir kurz nebeneinander, ich am Bauchgerät, er am Rückengerät. Ich muss unbedingt mal schauen ob er einen Ring trägt. Ich meine, es ist nie zu spät sein Beuteschema zu ändern.

Und dann passierte heute noch der absolute Klischeeknaller. Ich wurde im Fitnessstudio in der Sauna von Mike angebaggert. So richtig klassisch angebaggert. So unter Sportlern, einfach mal ganz cool splitternackt ein Gespräch anfangen. Er begann es dooferweise unter der Dusche und siezte mich. Wie schrecklich alt muss mein nackter Körper aussehen dass man mich im Fitnessstudio in der Sauna unter der Dusche siezt???? Ja, Mike halt. Endgeil. Mike made my day.



Samstag, 11. Februar 2012
Ich habe es heute geschafft irgendwann das Bett zu verlassen, Tee und Kaffee zu trinken, eine halbe Stunde in der Sonne joggen zu gehen, Milch und Brot einzukaufen, zu duschen, auf einer Feier frisch aussehend aufzutauchen und ein Kind anzulächeln. Das ist verdammt viel für Burnout und Depression.



Mein Vater will, dass ich Sonntag Abend meine Mutter besuche. Ich schaffe das nicht. Angst. Ich hätte es vielleicht heute abend machen können, aber nicht schon wieder Sonntag. Ich muss nächste Woche auf der Arbeit funktionieren. Und zwar besser als diese Woche. Ich muss noch funktionieren, ich habe doch alles noch vor mir, ich kann mich nicht Monate krank schreiben lassen wie du; liegst mir auf der Zunge, aber ich sage ncihts. Ich gehe ins We mit großer Angst. Und viel Bier. Der nächste Druck liegt schon auf mir ehe ich den Anblick meiner sedierten Mutter wirklich verarbeitet habe. Ich spüre nur noch Druck. Und ich mache gar keinen Sport mehr, ich betäube mich nur noch. Und ich weiß, ich müsste die Kurve kriegen. Aber ich kann nicht mehr. Ich kann überhaupt nicht mehr. Ich gehe einfach kaputt.

Leergut und Altglas wegbringen. Edelklamotten in die Reinigung. Geschenk für die Einladung morgen. Wäsche waschen, sortieren, bügeln, irgendwas. Ins Büro und das wichtige Zeugs für Di vorbereiten. Ausschlafen. Bewegen. Sauna. Entgiften. Mails beantworten. Papiere sortieren. Wohnung aufräumen und putzen. Overloaded, alles zu viel.



Freitag, 10. Februar 2012
Wahrscheinlich ist es gut, dass ich keine Kinder habe. Ich wäre eine von diesen Müttern, die den Kindern peinlich sind, weil sie am Ende einer Schulaufführung weinen.

Habe den Abend in der Schule verbracht, in der die Bierfreundin Lehrerin ist. Ich habe das Gebäude, ihren Platz im Lehrerzimmer, ein paar ihrer Lieblingskollegen und auch Schüler gesehen, von denen sie jeden Abend erzählt. Wenn sie am Ende und fertig ist. Ohne all die vielen Tränen die ich bei ihr schon im Zusammenhang mit dieser Schule sah, würde ich nach heute Abend sagen: das ist eine tolle Schule!

Das Theaterstück war klasse. Sehr kurzweilig. Habe noch nie ein so kurzweiligen Abend bei einer Schulveranstaltung erlebt. Mich hat aber noch mehr was anderes interessiert und beeindruckt: sind das Schüler von ihr? Ist das da vorne wohl Sandy? Und da rechts neben mir - eine Lehrerin die ich vom hörensagen kenne oder eine Mutter? Die beiden da links hinter mir sind doch bestimmt aus der 13. Ist das ein Pärchen? Das andere Pärchen tuschelt über mich. Ob ich die lesbige (!) Freundin von Frau S. bin. Die, die sich jetzt auf der Bühne im Zuge des Stückes küssen sollen, hatten die wohl schon mal was miteinander? Spielt das Mädchen behindert oder ist sie es? Welcher ist der Lehrer der das alles inszeniert hat? Und mir gehts an Herz als am Ende alle minutenlang applaudieren, und hier noch ein Danke und da noch ein Blumenstrauß und bei der Verbeugung des Stufen-Players noch das große Gejubel.

Wenn ich sowas erlebe, fühle ich mit, das geht mir richtig nah. Und auf dem Heimweg im Auto schlürfe ich mein Bierchen, qualmen wir den Wagen voll, hören L.Cohen I´m your man und ich überlege, was genau dahinter steckt hinter diesem Gefühl, was ist das, was mein Herzchen bei so Sachen so sehr anfixt?

Nach über zehn Jahren Psychotherapie wird man Profi in sich-selbst-die-treffenden-Fragen-stellen und man hat ungefähr einen Plan, wo man seine Antworten suchen muss, wo in der Tiefe der Seele. Man kennt sich immer besser, immer genauer. Es ist irgendwas mit Leben. Leblos fühlen. Leben, tun die anderen.

Plötzlich fällt mir auf, dass mein Psychologe die Tage doch nciht auf dem Holzweg war als er mich fragte, wer von meinen Eltern sein Leben nicht gelebt hat. Und jetzt tut es mir unendlich leid, dass sie es auch nicht mehr erleben wird.

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Ich mag das, wenn ich nicht verzweifelt weinen muss. Morgen Freitag. Mit Chef zusammen einen wichtigen Termin den ich unvorbereitet wuppen werde. Früh Feierabend machen, aufs Laufband, in die Sauna und dann in die Kneipe zum Fußball. Und nächste Woche darum kümmern, dass die aufhören meine Mutter so krass zu sedieren. Damit ich sie wieder treffen und sie mich wieder sehen kann.