Montag, 24. September 2012
Vielleicht sollte ich mir ein Hobby zulegen. Irgendwas muss man doch machen! Stricken Häkeln Nähen Malen Fotografieren

Ach was weiß ich. Ich hatte heute Premiere. Das erste Mal. Es grenzt fast an Wunder dass ich das erst heute erlebt habe und nicht schon viel eher. Ich habe es natürlich in eine Lüge verpacken müssen. Und ein schlechtes Gewissen als ich es der Freundin beichtete, hatte ich auch. Völlig unbegründet, wie sich bei ihrer spontanen Reaktion rausstellte. Ich habe auch erst noch versucht den Tag ganz normal zu überleben, bin früh ins Büro gefahren, habe zweit Stunden gearbeitet und mich dann mit Magendarmgrippe verabschiedet. Interessanterweise kam kein übler Deprischub hoch. Aber wie auch, wenn da eh schon seit einiger Zeit Depress en masse am Start ist. Aber es war der Abend gestern auch wert. Wert, wegen Saufen am nächsten Tag nicht arbeiten zu können.

Man muss doch irgendwas machen! Vielleicht einfach mal wieder das Akkordeon anlegen oder die Sachen für die Weiterbildung lesen oder auf den Crosstrainer stellen. Ich würde so gerne mal wieder für irgendwas brennen.



Sonntag, 23. September 2012
Seit Juli bin ich samstags nachmittags immer in der Muckibude. Hinterhof in Bahnhofsnähe, es riecht nach Eisen, Schweiß und Schäferhund. Kein Schickimickifitnesstudio mit fünfzehn hochmodernen Laufbändern und drei Saunen.

Durch die Einfahrt in den Hinterhof, die vier alten Steinstufen hoch, durch die unauffällige Tür und schon ist man mittendrin. Man zieht die Schuhe am Eingang aus und setzt sie in das kleine Regal in der Ecke. Manche grüßen, manche sind mit Stöpseln in den Ohren ins Pumpen vertieft. Hinten links die Theke/das Büro/der Fernseher - whatever. Ein langer leicht verrosteter Spiegel säumt die eine Wand, unter ihm sind auf ganzer Länge Hanteln in allen Gewichtsgrößen aufgereiht. Die gegenüberliegende Wand ist befenstert, alte Fenster, große Fenster, unterteilt in mehreren Scheiben. Ein paar der kleinen Fensterchen sind geöffnet, andere mit Gardinchen verhängt. Unter der Decke ist ein Stahlbalken gezogen (Trägerbalken?). Daran hängt der Boxsack und zwei Paar verschiedene Stahlhaken für Klimmzüge. Die ganze Installation ist so hoch, dass ich mir eine Bank ranziehen muss um drangreifen zu können. Diese Bänke stehen im Raum verteilt. Vertäfelungen mit Holz umrunden das Ambiente. Im nächsten Raum (deutlich kleiner) steht eine Installation an der Gewichtheben trainiert wird. Plus zwei drei andere Geräte. Überhaupt: jeder Quadratmeter ist mit irgendwelchen Geräten gefüllt. Es ist eng. Aber nicht einengend. Hier geht man eine kleine Treppe runter zu den Umkleiden und den Duschen. Die Duschen kann ich jetzt nicht beschreiben, denn ich dusche dort nicht. (Ich glaube keiner duscht da). Ich vermeide auch die Toilette, aber dazu später. Die Damenumkleide ist ca. vier Quadratmeter groß, Bänke und Haken links und rechts, ein kleiner Spiegel mit einer Ablage auf der eine Haarklammer (seit mindestens Juli) liegt, ein Spint mit zehn Schließfächern von denen drei stets geschlossen und sieben stets geöffnet sind, das Licht ist schwach. Kurz umgekleidet kann man oben einen weiter in einen nächsten Raum gehen in dem der Strecker trainiert werden kann (unsere Schwachstelle, zwei Geräte). Auf dem Ständer dort hingen heute nicht meine Gewichte. Wir packten mir links und rechts was drauf, irgendwann bemerkten wir dass die Scheiben unterschiedlich schwer waren und wir mussten erst mal in den ganzen Räumlichkeiten ein oder zwei Kilo Scheibchen für mich suchen. Im nächsten Raum (man geht dort von Raum zu Raum wie der aufmerksame Leser wahrscheinlich schon verstanden hat), ein wieder etwas größerer Raum haben wir die Möglichkeit parallel ruderartige zu trainieren und auch den (wenn ich doch jetzt den Muskel benennen könnte!!) äh, also irgendwas am Rücken. Den Antagonisten zum Strecker. Und dann gibt es noch die Möglichkeit eine Bank zwischen zwei Geräte zu stellen - ach das wird doch hier alles zu konfus in den Beschreibungen. tbc



Samstag, 22. September 2012
Gerade noch, auf dem Weg nach Hause, im Auto, auf den unzähligen Autobahnen und Autobahnkreuzen, musiklos, die Bierfreundin irgendwas am erzählen - ich wollte fast labern schreiben - schossen eine Millionen Gedanken durch den Kopf gekoppelt mit der Gewissheit, dass sie gleich, wenn ich die Freundin nach Hause gebracht, Bier geholt und geparkt habe, in eine Millionen Tränen gipfeln werden. Jetzt sitze ich endlich hier auf meinem Platz in meiner Küche, das erste Bier ist so gut wie auf und ich blockiere. Weiß nicht genau wo anzufangen zu weinen, weiß nicht genau welche Musik ich anmachen soll, weiß nicht genau welchen der vielen Gedanken ich mit unzähligen Tränen zuerst bedienen soll. Naja, erst mal Musik anmachen. Radio? Vielleicht ist es gar nicht so schlecht sich jetzt nicht reinzudenken. Meine übliche youtubetour? Vielleicht ist das ja genau der Clou an der ganzen Sache, nämlich dass ich es mittlerweile schaffe nach einem kurzen Depress-Schub dann doch nicht in Tränen und Weltuntergangsstimmung unterzugehen. Fällt mir denn gar kein Lied ein was ich jetzt mal eben raussuchen könnte? Hm...

Früher war das ja so: man konnte nicht jederzeit hören was man wollte denn man brauchte a ein Wiedergabegerät und b das gewünschte Lied in irgendeiner Form. Wie luxuriös ist das bitte heutzutage dass man quasi jederzeit jedes Lied hören kann auf das man gerade Lust hat!! Ich frage mich was das für die Sozialisation der jungen Menschen heutzutage bedeutet, wie es sie prägt dass sie jederzeit (fast) alles per Mausklick oder viel mehr noch per Fingerklick konsumieren können. Und überhaupt: wie endgeil könnte man bitte jetzt als Sowi darüber promovieren und forschen was durch diese neue immer-und-überall-Ära sich ändert blablabla....wir gehen mal davon aus dass sich das schon ein paar Leutchen als Projekte rangezogen habe. Eigentlich schade, fällt mir jetzt gerade ein, schade dass ich gar keinen Überblick mehr habe worüber gerade geforscht wird. Vor zehn Jahren hatte ich den perfekten Überblick...Und da komme ich wieder an den neulich schon neuverwundeten Punkt: ich fühle mich nicht mehr akademisch, ich habe das Gefühl ich bin nicht mehr gewachsen, all den Diskussionen, all den intellektuellen Themen und Gespräche. Ich fühle mich, als wäre ich raus. Es reicht noch so gerade eben um im Gespräch mit den jungen, aufstrebenden Akademikerkarrieremännern zwei Stunden gepflegte Konversation beim Bier zu pflegen bis ich sie dann mitnehme. Aber ich fühle mich schon nicht mehr in der Lage ihm eine entsprechende E-Mail zu schreiben. Ich komme da nicht mit. Ich kenne diese eine bestimmte amerikanische Schriftstellerin nicht. Kann nicht anknüpfen. Ich konnte mir vor lauter Bier nicht mal ihren Namen merken (sie lebt schon lange nicht mehr und hat vor allem Gedichte geschrieben. Irgendein eigentlich einfach zu merkender Name. Irgendjemand eine Idee, btw?).

Ich fühle mich als wäre ich raus. Beide engsten Freundinnen starten gerade die großen Lieben und ich weiß: da ist echt was dran (die beiden checken das jeder für sich übrigens noch nciht).

Ich fühle mich als wäre ich raus. Meine Mutter ist versorgt, mein Vater richtet sich ein irgendwie neues Leben ein. Letztes Jahr Weihnachten antwortete er fast überrascht, als ich fragte, was wir Weihnachten machen. Also wenn ich wollte könne ich ja vorbeikommen. Ich habe Angst dass er dieses Jahr komplett an mir vorbeiplant. Wenn meine Mutter bis dahin verstorben ist, wird das tatsächlich so sein.

Ich fühle mich als wäre ich raus. Als ziehen alle an mir vorbei. Und ich bleibe hier sitzen. Abend für Abend an meinem Platz, in meiner Küche.