Selten suche ich hier oder auf den alten Seiten zurück, was ich damals zu der-und-der Gelegenheit geschrieben habe. Als ich heute nach Hause kam, schaltete ich sofort das Laptop an, loggte mich hier ein. Ich schrieb aber erst mal eine Beschwerde an den Mobilfunkanbieter, räumte ein bißchen was auf, favte rum, schrieb was an meine Tafel, sortierte mich für morgen, legte den Tag ab. Und dann poppte es wieder auf, wie so oft in den letzten Tagen, in der Zeitung, im Internet, vorhin bei den Freunden mit den Kindern die jetzt Fußballbezahlfernsehen haben (obwohl sie kein Fußball gucken und ich solle das blos nicht rumerzählen) und einfach woüberall. Gerade dann einen tweet dazu gelesen: diese Tage im November werde ich nie vergessen. Ja, ich auch nicht. Diese Tage im November. Ich erinnere mich so gut. Was schrieb ich denn damals zu diesen Tagen im November? Ich war fast enttäuscht was ich las, denn da stand nicht viel. Nichts detailliertes. Und ich weiß noch so genau wie ich schwer krank zwei Tage Messe abriss, mein Vater mich zwischendurch anrief um mir zusagen dass die Oma gestorben sei, ich weiterarbeitete, abends dann als Notfall mit der Arztfreundin ins Krankenhaus ging, am nächsten Tag aber vollgedröhnt mit Schmerzmitteln weiterarbeitete, die damalige Chefin mich ob meiner Erkrankung auslachte, ich einen Krankenschein nahm, meine Mutter noch ansprechbar und unterhaltungstüchtig war, ich mich krank schreiben lies und dann meine Mutter erschüttert anrief, er hat sich vor einen Zug geschmissen, hör doch, ist das nicht heftig?, wir zusammen vor dem Fernseher saßen, ich krank geschrieben, sie krank, wie O.B. bei der Pressekonferenz anfing zu weinen und wie auch meine Mutter anfing zu weinen, weil es ihr so leid tat. Meine Mutter ist ein Ruhrpottkind und echte Ruhrpottkinder haben Ahnung von Fußball, egal welches Geschlecht. Der Onkel meiner Mutter war btw Profifussballer. Sie kommt aus einer wirklichen Ruhrpottfussballfamilie.
Und so haben wir diese Tage im November damals vor drei Jahren zusammen verbracht, zusammen krank, zusammen trauernd.
Ich bin fertig und wenn ich jetzt schreibe, ich sei fertig weil die Woche zu hart war, ist das vielleicht ein bißchen gelogen. Ich war gut diese Woche, ich war erfolgreich auf der Arbeit und ich habe zwei Abende Entspannung eingeplant und umgesetzt (einmal Sauna, einmal Sport). Ein bißchen Wahrheit ist, dass der Tag heute so hart war, weil ich gestern abend voller Euphorie dann doch zwei Bier zu viel getrunken hatte. Und wieder frage ich mich, warum. Womit ist das verknüpft, mit welchem Gefühl, dieses ein Bier nach dem anderen öffnen? Es ist irgendwas mit zur Ruhe kommen, mich mit mir verbunden fühlen, vielleicht mich feiern...(ich trinke ja nicht nur wenn ich fertig bin, auch wenn der Tag toll war, so wie gestern)....ich weiß es nicht genau. Aber es ist anstrengend. Auf der Couch spreche ich immer wieder an, dass ich zu viel trinke, und der Herr Psychologe nennt es nie verurteilend ein Alkproblem, er fragt halt auch dasselbe was ich mich frage: warum, was soll es ersetzen? Und er stellt vorsichtig die Vermutung, ob mir ein Partner fehle. Und dann denke ich wieder an neulich, als ich abends bei den Freunden mit den kleinen Kindern war, wie der Familienvater auch total angekotzt von der Arbeit kam, aber mit Frau und Kindern sofort davon abgelenkt wurde. Er kam wirklich in die Tür rein und die Kinder hörten nur die Tür und sprangen direkt vom Tisch auf und fielen ihm um den Hals. Ich komme nach Hause und falle um den Flaschenhals.
Auf Dauer wird das nicht so weitergehen können. Selbstredend könnte ich natürlich jederzeit damit aufhören ;-)
nein, Spaß beiseite, das wird auf Dauer nicht mehr spaßig, ich muss mir was überlegen. Ich muss mir überhaupt was überlegen. Ich muss mal schauen. Mir wird klar dass ich mich die letzten Jahre eigentlich gedanklich nur noch um meine Familie gekümmert habe. Dieses Scheiß-Kümmern. Sich um irgendwen in der Familie kümmern müssen. Mein Job. Ich war fast raus aus der Nummer, hatte es fast geschafft diesen Job zu kündigen, und dann wurde meine Mutter krank. Irgendeiner wird immer krank, könnte man analog zu all den Netzwerken sagen in denen immer irgendeiner Geburtstag hat, aber ich sehe es doch anders. Es war meine Familie, und dann war es einfach meine Mutter....Dann habe ich da jetzt eben intensiv investiert und dabei vergessen mich um meine Karriere, mich um eine eigene Familie zu kümmern, aber ich mein: man hat doch nur eine Mutter. Und sie wird den Rest meines Lebens nicht mehr da sein.
Dann ist das halt so bei mir. Dann war das halt so in meinem bisherigen Lebensverlauf.
Das Jahr geht in den Enspurt und ich will es nur noch ausklingen lassen und dabei nicht kaputt gehen. Nächstes Jahr ziehe ich wieder voll durch. Mit der Fortbildung werden sich neue Joboptionen ergeben und mit ein bißchen Mut werde ich wieder richtige Dates haben und auf die Ficks hier und demzugunsten verzichten wollen. Oder dann doch über einen Hund konkret nachdenken. Es fühlt sich gerade nur so an als hätte das Jahr mich zu sehr ausgezehrt und dass ich den Endspurt nicht cool über die Bühne bringe, ich weiß schon gar nicht wie ich die nächsten beiden Tage (wie heute Fortbildung von früh bis spät) überstehen soll.
Ach, vielleicht war es auch einfach nur eine harte Woche. Liegt letzten Endes ja an der Sichtweise.
Oft schaue ich morgens kurz hier rein um zu sehen was ich da abends produziert habe. Im Suff. Manchmal schäme ich mich, manchmal so sehr, dass ich was lösche oder vielmehr offline setze.
Heute fiel mir dann wieder ein, dass das nicht nötig ist. Das ist doch hier mein Luxus, einfach runterschreiben, einfach anonym runterschreiben was mir durch den Kopf geht, was ich fühle. Und wenn das jetzt gerade in meinem Leben so ist, dass ich hier fast nur schreibe wenn ich trinke, dann ist das eben so, dann spiegelt sich genau das hier einfach auch nur wider. [Es heißt widerspiegeln, nicht wiederspiegeln, oder?]
Ich habe gefühlte eine Mio schwierige Termine diese Woche abgerissen, Termine in denen es um Tinte ging. Der Wert gestern lag wahrscheinlich ungefähr bei zweihunderttausend, heute vielleicht bei dreihunderttausend. Vielleicht ging es auch um eine Null mehr. Ich weiß das nicht genau, von Zahlen habe ich keine Ahnung. Die Zahlen kennen die anderen. Mich schickt man nur hin um ein freundliches Gesicht zu präsentieren was zur Tinte führt. Verträge müssen jetzt endlich zur Tinte kommen? Stellt sie dorthin, gebt ihr ein entsprechendes Ambiente, gebt ihr einen Pointer in die Hand und lasst irgendeine Präsi laufen, lasst sie labern, gebt ihr eine Bühne und das Ding läuft.
Heute war der Chef dabei, denn heute war wirklich wichtig. Es war so cool. Wir waren so angespannt, aber wir blieben einfach cool. Wir sprachen nur die Argumente ab, bastelten irgendwelche Charts zusammen und legten los. Wir sprachen nicht ab wer was sagt, wann wer was sagt, wann wer moderiert. Kurz vor der Veranstaltung, also so zwei Minuten vorher, fragte er mich ob ich wüsste was ich gleich sagen soll, dass er mir dann das Wort übergibt. Ich wurde nervös ob des wirklich schwierigen Termins und sagte ehrlich, dass ich keine konkrete Rede vorbereitet hätte, nichts Wort für Wort. Das ist gut!, antwortete er. Einfach spontan, einfach aus dem Bauch heraus, das können Sie, das ist eh immer am Besten, motivierte er mich weiter und ich habe gespürt: genauso meinte er es auch.
Erst jetzt, Stunden später, wird mir bewusst, wie krass er auf meine Kompetenzen vertraut, so ein sensibler Termin und so viel Verantwortung dass dieser Termin gut verläuft traut er mir zu. Es war toll. Und es war erfolgreich.
Was ich eigentlich erzählen wollte: Ich war gut mit mir diese Woche. Dienstag Abend Sauna. Ich hatte mir das so geplant und spontan kam die liebe Kollegin von weiter weg mit (wohnt in meiner Stadt). Heute abend war ich oberfertig, aber dennoch die Verabredung mit dem alten Mann, der aus dem Urlaub, der mit dem ich in die Muckibude gehe, nicht abgesagt. Getroffen, trainiert, (sechs Klimmzüge aus dem langem Arm), gegenseitig motiviert, Zeit zusammen genossen und er vernetzte mich noch mit dem süßen Zuckertypen dort. (Wobei ich ein Auge auf einen anderen geworfen habe, dazu schreibe ich ein anderes Mal).
Wir hängen nebeneinander in irgendwelchen Geräten, er pumpt, ich schaue ihm dabei zu. Was ist?, fragt er weil ich nicht pumpe. Schön dass du da bist, antworte ich. Auf dem Heimweg erzählt er mir von - orrr, jetzt zu kompliziert - im weitesten Sinne oberflächlichen zwischenmenschlichen Beziehungen in die geraten ist und davon wie sehr manchem Menschen nicht leben. Und dann erzähle ich ihm, was ich mir beim Trainieren so gedacht habe, als ich sagte und das ich das auch wirkich so meinte, wie schön das sei dass er da sei: die Frage ob es für mich oder für ihn schöner ist dass der andere da sei. Ich: er ist jetzt da, er wird noch ein paar Jahre da sein, aber es werden noch viele Jahre in meinem Leben kommen, in denen er nicht mehr da sein wird (er ist Mitte Ende sechzig) oder er: das Leben geht in den Endspurt, da kommen nciht mehr viele Jahrzehnte, er genießt diese Momente mit Menschen die ihm was bedeuten daher sehr intensiv. Ja klar!, sagt er. Er genieße sehr intensiv. Du bist der beste Coach, sage ich zum Abschied der drei Verabschiedungen beinhaltet. Und du bist meine Meisterschülerin, ruft der pensionierte Lehrer mir zu als ich glücklich ins Auto einsteige.
overloaded am 09. November 12
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Ich glaube früher war alles weniger zu viel. Ich finde es interessant zu beochten, wie sich "Probleme"verschieben. Alles zu viel, gab es früher nicht, oder wurde vielleicht einfach besser betäubt oder vielleicht gab es früher einfach noch viel mehr die Option dass alles gut wird. Je älter man wird desto kleiner wird dieses "wird" in alles wird gut. Vielleicht glaubte ich früher einfach noch viel mehr an dieses Später, wenn alles Gut wird. Ich weiß es nicht. Aber alles was jetzt nicht gut ist, ist mehr nicht gut als es früher nicht gut war. Die ganze Klamotte wird zentrierter, esentieller. Optionen verengen sich mit den Jahren. Immer Weniger wird möglich.
Oder immer mehr! Weil man nun mehr zehren kann von dem, was man Erfahrungen nennt. Dennoch: der Kreis wird enger.
Früher war auch alles zu viel. Verzweifeln, diskutieren, den Kopf gegen die Wand schlagen, weinen, rausgehen, rauchen, mit einem (!) Bierchen abkühlen, nochmal drehen, weiter rauchen, stumpf betäuben, nach Hause kommen und direkt ins Bett fallen, morgen ist alles wieder gut, oder später, später wird alles gut sein, in die Matratze gedrückt, Gedanken schwer, Kopf leer, sinken, schlafen, aufstehen, das nächste Ziel (Schulabschluss) fokussieren, Kopfschmerztablette, Kaffee, Tee und fette Beats, Tag überstehen, und dann, wie gestern: verzweifeln, diskutieren, rauchen, rauchen, abkühlen, lange nach Hause laufen, ins Bett fallen, erholsam schlafen, alles wird gut................
Einmal depri immer depri, einmal betäuben, immer betäuben. Das mit dem "alles wird gut" war ein fake, ich habe es geahnt.