Noch im Auto die Tränen unterdrückt, zu Hause reingekommen, Mantel, Schal, Schuhe, alles von mir gerissen und hingeworfen, der Puls auf 180, ausrasten, jetzt einfach nur ausrasten!!! Ich kanalisiere die erste Wut in hundert situps und fünfzig Liegestützen. Musik an, Bier auf, erst mal runterkommen, erst mal aufwärmen.
Bodenloser Absturz. Eine Millionen Gedanken und keiner ist klar. Wie programmiert blitzschnell die Situtation von allen Seiten betrachtet, aber Error, kein Match mit einer akzeptablen Sichtweise erhalten. Das ist dann kein overload mehr, das ist dann Aussichtslosigkeit, Auswegslosigkeit. Ich wünschte es gäbe eine Escapetaste. Und ich spüre gerade gar nichts mehr.
Ich spüle dann einfach mal.
Nach Spülen, zwei Bier und zwei Toren dann doch irgendwie runtergekommen. Ganz klar plötzlich der Gedanke, wer jetzt in der Situation weiterhelfen kann, direkt zum Telefon gegriffen, direkt erreicht, direkt erste Schritte einleiten können.
Was geschah:
unsere Pflegefrau hat gekündigt. Letzte Woche schon. Ich las die Mail Freitag morgen im Bett. Ich checkte meine Mails im Bett weil ich nicht aufstehen wollte und eine Ausrede suchte um Liegenzubleiben. Also einfach schon mal Mails checken. Ich fragte meinen Vater gegen Mittag telefonisch nach dem Grund. Er konnte mir keinen nennen. Heute war ich das erste Mal nach der Kündigung wieder bei meinen Eltern. Meine schrecklichen Vorahnungen wurden nicht bestätigt, es war noch viel schlimmer. Sie sieht unendlich fertig aus. Mein Vater war nicht da. Ich war auch fertig. Scheiße auf der Arbeit gerade, Stress, Ärger, wie immer aber gerade mal wieder fast unerträglich, Überstunden noch und nöcher. Müde setze ich mich mit an den Tisch, sie füttert gerade meine Mutter, setze meinen Kopf auf die Hände die auf den Ellenbogen auf den Tisch Halt suchen und schaue sie an: wie ist die Lage? Sie versteht nicht. Ist alles ok?, fragte ich anders. Nein, nichts ist ok, ich komme nicht wieder, weißt du das schon?, antwortet sie knapp. Wir wechseln zwei drei Sätze, wir verstehen uns gut, sie beginnt zu weinen. Meine Mutter weiß nicht mehr Essen oder Trinken zu schlucken. Die liebe Pflegefrau weint. Wir verstehen uns so gut dass wir trotz Sprachbarrieren innerhalb weniger Sätze ganz viel austauschen können. Sie ist fertig. Sie hätte meinem Vater den ganzen November gesagt, dass das so nicht funktioniert, dass das ein Mensch so nicht schafft. Im Sommer ist es einfacher, weil man draußen im Garten abhängen kann, aber im Winter, so eingesperrt (mit einem extrem Pflegebedürftigen), da hat man nur Fernsehen und Kühlschrank, das schafft keiner so krass auf Dauer, erläutert sie mir. Ich schaue sie an und stelle fest: sie ist fett geworden (leicht übertrieben, aber dennoch...). Wir hören das Türschloss, mein Vater kommt nach Hause. Am Rande erfahre ich, dass er morgen für drei Tage wegfährt. Als ich mit ihm zusammensitze frage ich ihn wie seine Planung am We aussieht. Er führe weg, da und dahin, in die Pfalz (oder so), Wein und das und das kaufen. Mit großen Augen schaue ich ihn an: das hätten wir doch abstimmen können. Ich bin dieses We auf Fortbildung, hätten wir das abgestimmt, dann hätte ich Zeit frei machen können um hier vorbeizuschauen, erkläre ich ihm, und weiter, du kannst doch niemanden hier für drei Tage ohne Kommunikation nach draußen einsperren!? Das finde ich nicht ok!, haue ich forsch heraus. Und genau das ist es was ich sonst nicht mache: anderen sagen, dass ich ihr Verhalten nicht akzeptabel finde. Er flippt aus: das sei abgesprochen! Ich so: wenn ich mir hier die Lage so anschaue, ist hier anscheinend gar nichts abgesprochen. Er will Streit. Er weiß mehr oder weniger bewusst dass ich ihm kommunikativ und durchblickmäßig überlegen bin und spielt den Vater-Joker aus: das diskutieren wir nicht jetzt, darüber sprechen wir ein anderes mal. Ich bleibe dran. Doch, genau jetzt klären wir das, denn ich finde das so nicht ok und ich kann das so nicht hinnehmen, aber ok, du hast das so entschieden, ich zahlen dafür! Was soll das heißen?, fragt er völlig agressiv nach. Nun ja, das ist meine Weiterbildung für die ich viel Geld zahle, aber ich finde das menschlich nicht ok hier jemanden alleine für drei Tage zu halten wie einen Sklaven und deswegen werde ich dann einfach dort schon Samstag nachmittag abhauen und mich um [Name der Pflegefrau] kümmern. Ich fahre weiter fort: [Name der Bierfreundin] feiert Samstag im kleinen Kreis Geburtstag, aber das sage ich dann auch einfach ab, denn ich kann die Situation hier so nicht akzeptieren. Du hast hiermit überhaupt nichts zu tun!, fährt er mich an. Er ist agressiv, ich schaffe es mich cool und klar zu geben, umarme die Pflegefrau zum Abschied, flüstere ihr ins Ohr dass mir das alles sehr leid tut, kuschel meine Mutter, flüstere ihr fragend ins Ohr ob sie das noch aushält, rufe meinem Vater nur in den anderen Raum "ja dann bis nächste Woche" zu und gehe.
Ich ärgere mich dass ich keine Ruhe und Muße habe das alles hier "ordentlich" aufzuschreiben, ich weiß nicht ob ich das in ein paar Jahren (oder jetzt Sie, werte Stammleser) nachvollziehen kann. Es ist alles so oberkrass, so heftig. Ich freue mich über meine Stärke, darüber dass ich nicht völlig durchdrehe und in der Klappse lande, sondern mit ein paar Bieren und guten Gesprächen den Blick nach vorn wahre. Ich rief eine Freundin an, die beruflich im Feld Pflege zu tun hat. Sie klärt morgen ein paar Dinge ab und gibt mir Sa Bescheid. Es geht um Pflegeheim. Ich brauche konkrete Fakten über Kosten und dann irgendwann Ruhe und Muße um meinem Vater aufzuzeigen, dass das jetzt der nächste, richtige Schritt ist. Mama, stirb doch bitte einfach. Du hälst es nicht mehr aus und wir können auch nicht mehr.
Was meine Mutter sagen würde, heute Abend, wenn ich sie heulend anrufen würde. Sie würde sagen, dass das alles halb so wild ist, weil sie es eh kaum noch mitbekäme und eh nicht mehr lange lebe. Aber ich solle deswegen nicht so verzweifelt weinen und mich betrinken. Samstag Bierfreundins Geb-feier? Ach wie schön, wer kommt denn alles? Ach ein gutes Saunahandtuch schenkt ihr, ja, das ist ja genau das Richtige, die hat ja eigentlich immer Handtucharmut. Ach die und die Freundin kommt dann auch? Ja, das ist ja auch ein lieber Mensch. Und morgen uns Samstag Weiterbildung? Wovon du neulich erzählt hast, ja? Da wo du dich mit der einen lieben jungen Frau so gut verstehst? Ja, bei so Weiterbildungen trifft man immer interessante Leute. Ach rauch doch nicht so viel, mach doch lieber Sport, das kannst du doch so gut! Fünfzig Liegestützen? Aber hallo! Komm doch mal mit zum Yoga, das würde dir gefallen, da bin ich mir ganz sicher.
Und dann laufen Tränen, weil ich nie mit zum Yoga gegangen bin.