Das sind keine dicken Titten, das sind Muskeln.

Ich war ausgeschlafen und nicht verkatert. Der Tag verlief dennoch nicht anders als jeder anderer Alltag. Kein Bier ist also auch keine Lösung. Nun denn, Prost.

Gegen Abend kam ein Nachbar zu Besuch. Ich bin mir recht sicher dass ich über diesen Nachbarn noch nie etwas geschrieben habe, und dabei stellte ich heute Abend bei seinem Bescuh fest, dass wir uns nicht nur ziemlich ähnlich in unserer Lebensführung sind sondern ich dabei auch noch ziemlich gut verstehen. Er ist fünfzig aber wenn man ihn kennenlernen würde, würde man ihn locker auf vierzig schätzen. Er lebt alleine ganz oben rechts (ich wohne ganz unten links). Er kam vorbei damit ich eine Karte für eine Feier der Vermieter unterschreibe. Ich bot spontan Bier an. Bier ist da! Ja, ein Gläschen, aber keine ganze Flasche. Wir kamen ins Reden und er ließ nachschenken. Gutes Gespräch. Gespräch auf hohem Niveau. Wie es einem geht, was einen bewegt, was einen hemmt. Ihm gefiel es bei mir. Ich glaube es gefällt einem generell bei mir, bei mir ist gemütlich. Bei mir ist gemütlich, Bierchen und Quatschen gut.

Er hätte keinen Freund. Ich auch nicht, entgegne ich. Mal hier und da Spaß, auch zu Genüge, aber nichts ernstes. Nee, ich auch nicht, ist bei mir ähnlich. Nee nee, bei uns in der Szene ist das noch anders, höhere Durchlaufquote. Müde lachend antwortete ich, dass meine Durchlaufquote da locker mithalten kann. Er schaut mich kurz erstaunt an aber dann ist das Eis gebrochen und wir stellen fest, dass wir völlig gleich leben, er da oben mit irgendwelchen Männern, ich hier unten mit irgendwelchen Männern.

Am Ende, nach ein paar Bierchen verabschiedet er sich, das müssten wir öfter machen. Ja, das hört sich nach Freundschaft an. Wie klasse dass man im gleichen Haus wohnt.

Aus der Kategorie: wie sich Freundschaften ergeben.

Vorher eine Stunde mit der Lieblingsfreundin telefoniert. Kurz den Plan durchgespielt, wie ich Teilvollmacht über meine Mutter gerichtlich einklagen könnte, dann Erbteil einfordern könnte, davon Heimplatz für sie finanzieren, bei diesem ganzen finanziellen Krieg den Vater verlieren würde, aber meine Mutter wäre versorgt und bei der Hälfte von einer Mio würde auch noch was für mich übrig bleiben, für eine Selbstständigkeit - nur so ein Plan B! Hört sich gar nciht so schlecht an, antwortet sie überlegend...ich lasse sacken....ja stimmt....ist die Alternative zu "meinem Vater jetzt wieder drei Wochen gut zureden" und er heizt die nächste Pflegepolin durch...Wir suchen nach einer Lösung und halten fest, dass ich noch eine Pflegefrau mitmache, und wenn er die auch verheizt und ich das Gefühl habe für meine Mutter ist die Versorgung nicht gewährleistet und unerträglich, ziehe ich den Krieg. Weißt du, sage ich der Lieblingsfreundin (kenne ich seit dem ersten Unitag), für mich wäre es gar nicht mehr schlimm in Streit mit meinen Vater auseinander zu gehen. Diese Familie hat mich jetzt fast vierundreißige Jahre gefickt, ich kann nicht mehr. In dieser Familie hat jeder immer seinen Vorteil gesucht und jetzt bin ich damit dran.

Das unendlich traurige daran: ich meine das ernst. Die Lieblingsfreundin weiß das.




(Falls hier noch jemand das ganze Drama mitliest: ich vergesse Kommata, lesen Sie zweimal, dann klappt das mit dem Textverständnis.)

Ich liebe meinen Vater über alles, keine Frage. Jede Tochter liebt ihren Vater überigens über alles. Just fyi. Ich erinnere mich wie meine Mutter mir mal ein Foto von meinem Vater schenkte. Das war zu einem Zeitpunkt als sie ihn als Partner hassen musste. Er ist jung auf dem Foto, irgendwas mit zwanzig vielleicht. Vielleicht hat sie mir das Foto geschenkt weil sie wusste dass ich die einzige in seinem Leben bin, die es mit ihm aufnehmen kann, die ihn wirklich lieben kann. Und in dem Zusammenhang erinnere ich wieder mal an dem Moment als ich da rauchend auf der Terasse stand, sie war schon krank aber konnte noch spülen, sie spülte, ich rauchte, wir unterhielten uns und sie schaute mich an und sagte mir, dass ich die einzige Verbündete sei, die sie in ihrem Leben hätte.

Und ich erinnere mich an neulich in der Fortbildung, als es um irgendwas in Punkto Selbstwahrnehmung ging, man musste ein Genogramm aufzeichnen, also seine komplette Familie, und diese Italierin (die ich gar nicht unbedingt sympathisch finde) wollte unbeding mit mir zusammenarbeiten (sie ist Anfang Vierzig, zwei Kinder) und ich erzählte ihr von meiner Familie und sie sagte am Ende nur: egal was da alles ist und war: du warst und bist das Wunschkind, nicht mehr und nicht weniger; und das wird immer so sein.

Liebe mich am meisten wenn ich es am wenigsten verdient habe, denn dann habe ich es am nötigstens. Dieser Spruch fällt mir ein, wenn ich mir ausmale, wie es meinem Vater gerade geht. Eine Runde mache ich noch mit, eine Runde halte ich noch zu ihm, eine Runde polnische Pflegefrau ziehe ich noch mit durch, aber wenn er dann weiter ohne Rücksicht auf Verluste lebt und handelt, werde ich mich dazu entschließen in den Krieg zu ziehen. Einfach nur damit meine Mutter zur Ruhe kommen kann. Und auch ich endlich. Ich glaube vierunddreißig Jahre Dankbarkeit für Wunschkinddasein genügen. Wunschkind selbst muss auch mal leben.