Meine Mutter hatte einen epileptischen Anfall und wacht nicht mehr richtig auf, auf der Arbeit wird mir erzählt dass ich auf der Weihnachtsfeier in Bierlaune dem Chef laut meine Meinung gesagt habe, dem Kind schenke ich einen extrem teuren Pullover bei dem ich mir nicht sicher bin ob er nach der nächsten - also ersten - Wäsche weiterhin das hält, was er im Laden verspricht und nach der ersten Behandlung beim Physiotherapeuten kram ich die Krücken wieder raus. Aber alles der Reihe nach. tbc




Der Reihe nach vorwärsts oder rückwärts, überlege ich jetzt noch...

Nach acht Stunden Schlaf wache ich fast vorm Wecker auf. Zehn Minuten später am Küchentisch weine ich schon. Ich reiße mich zusammen, denke mir, dass mir das nicht gut tut wenn ich mich jetzt schon der Trauer und den Tränen hingebe. Der zeitliche Vorteil ist auf meiner Seite und ich lenke mich mit Tee, Zeitung, LaMa und Championskillersudoku ab. Nach der Dusche und der getrockneten Löwenmähne sieht mein Spiegelbild gar nicht mal so schlecht aus. Ich setze ein großartiges strahlendes Lächeln hinzu und traue mich auf die Arbeit, unter Leute, frühe Termine mit vielen Menschen direkt ab acht. Zeitlicher Vorteil nimmt mir Stress. Ich halte dieses Lächeln perfekt durch bis alle Termine erledigt sind.

Ich weiß woher die Tränen kamen. Die Tränen liefen seit gestern Abend als die Bierfreundin anrief, als ich eigentlich schon auf dem Weg ins Bett war. Sie fragte nach der Situation zu Hause und deklinierte das ganze Dilemma durch. Oh man, was für ein scheiß Weihnachten auf dich wartet, fasste sie zusammen und unausgesprochen klar war uns beiden, dass auf sie ein tolles Weihnachtsfest wartet. Ihr Lover aus F. hat sie eingeladen zu seiner Familie. Die ganze Traum-Love-Story zwischen den beiden nimmt nach langer Zeit Form und Verbindlichkeit an. Und ich freue mich für sie. Ich mag ihn gerne und weiß, die beiden passen gut zusammen. Und ich gönne es ihr. Wir besprechen was Weihnachten ist, dass das das ist, wo Familie immer zusammen kommt, egal wer über wen lästert, wer auf wen neidisch ist oder sonst was. Weihnachten ist Weihnachten: die eine Tante hat zu fett gekocht, der Tannenbaum bei den und den Verwandten ist schief, wirklich keine schöne Tanne, die und die waren geizig mit den Geschenken, wenigstens bei den Kindern hätten sie ja großzügig sein können und der und der hat zu viel getrunken. So geht Weihnachten. In der Familie. In unserem Gespräch wird mir klar: ich habe keine Familie mehr, da ist keiner mehr, der Familie zusammenhält. Als ich meinen Vater auf die Weihnachtsplanung ansprach, wir müssen noch mal in Ruhe telef oder so, wie wir was Weihnachten machen, teilte er mir seinen bereits bestehenden Plan mit: also ich könne Heiligabend kommen! Da hätte seine Freundin keine Zeit, also er wär zu Hause und ich könne einfach kommen wenn ich wollte. Am ersten Feiertag käme seine Freundin, vielleicht mit Tochter (habe ich über diese Leute schon mal geschrieben? Die Frau hat einen Horizont der vom Küchentisch bis zum Flur reicht und ist dabei sechzig und sieht auch so aus und die Tochter ist soooo toll! Die hatte schon Jobs auf der ganzen Welt! Kann mehrere Fremdsprachen fließend! Und die [irgendeine Firma] wollten sie jetzt auch als Geschäftführerin in Skandinavien!! Also eine ganz tolle Tochter. Sie ist ein paar Jahre jünger als ich). Meine Mutter liegt derweil im Raum neben dem Esszimmer im Sterben, aber ok, ich verurteile nichts. Aber man kann von mir auch nicht erwarten, dass ich dabei mitmache. Was ist mit dem Enkelkind, fragte ich ihn. Ja die kann ja auch am ersten Feiertag kommen!, antwortet er enthusiastisch. Das Kind ist zwar mittlerweile zwanzig, aber aufgrund der Behinderung in der sozialen Entwicklung weit zurück. Ändert sich vielleicht auch nicht mehr. Ich habe ihm ganz direkt gesagt, dass das ja wohl kein guter Plan sei, dass das Kind da ihre sterbende Oma sieht und ihr dann die nächste Frau vorgestellt würde, sie könne das doch alles nicht einordnen. Ja stimmt, sagt er sofort, die kann ja ein anderes Mal vorbeikommen. Ja genau Papa, wir kommen einfach ein anderes Mal vorbei, aber nicht zu Weihnachten, denke ich mir, sage aber nichts mehr. Im Telefonat mit der Bierfreundin gestern wurde das alles erst mal transparent für mich. Oh scheiße, sagt sie, sie dachte er hätte in den letzten Monaten mal was von Familie und Wertschätzung gelernt, aber wenn ihr ihm jetzt nicht mal mehr wichtig zu Weihnachten seid....oh man, da wartet ein scheiß Weihnachten auf dich...aber du bist die einzige die daraus dennoch was machen kann!, versucht sie mich aufzumuntern und zu bestärken. Jaja, die Lieblingssauna hat dann und dann geöffnet, ich habe schon nachgeschaut, da wollte ich dann einfach hin und abhängen. An Weihnachten ist Familie und mir wurde in dem Gespräch gestern klar, dass meine Familie wirklich kaputt ist, so kaputt, dass man nichtmals mehr Weihnachten zusammen verbringt. tbc

Irgendwie ziehe ich also den Arbeitstag durch, löse Probleme die eigentlich meine Kollegin verursacht hat und lösen müsste, reiße gegen Mittag noch ein paar Außentermine ab die wirklich gut verlaufen, dank meines perfekten Lächelns und verlasse nach acht Stunden das Büro um zum ersten Physiotherapietermin zu fahren. Die junge Physiotherapeutin hat den selben Vornamen wie ich, wir verstehen uns gut, aber als sie mich behandelt, schießen mir vor Schmerzen die Tränen in die Augen. Sie hätten schon vor zwei Monaten kommen müssen, sagt sie. Mein komplettes rechtes Bein steht unter Schmerz. Als ich von der Liege aufstehe, weiß ich nicht bis zum Auto zu laufen. Ich kann mir nicht vorstellen morgen ohne Schiene und Krücken zu laufen. Alles aktiviert. Ein Kribbeln und ein großer Schmerz, obwohl, vielmehr gefühlte eine Mio Schmerzherde.
Direkt danach wieder ins Büro. Natürlich ist die Kollegin schon weg. Der Aushilfsjunge fragt, wie es gewesen sei, wir schauen uns an, er sieht meine verweinten Augen. Ich reiße mich zusammen und lösche die letzten Feuer für heute Abend. Eine halbe Stunde zu spät hole ich das Kind ab, wir waren verabredet. [Fuck, Bier ist alle]

Sie steigt ins Auto, wir umarmen uns feste und lange. Sie sieht aus wie immer. Ich fahre los und frage sie, wo wir hinfahren sollen, in die Stadt oder zu mir oder was. In die Stadt, Weihnachtsmarkt, hätte ich doch vorgeschlagen. Ach ja, genau. Sie spricht gut, stelle ich fest. Sie ist hochgradig schwerhörig, hat erst spät hören und sprechen gelernt. Auf der Autofahrt klären wir kurz ein paar Fakten, dass es mir leid tut dass ich zu spät sei wegen der Arbeit, ja das sei kein Problem, das wisse sie doch dass immer viel arbeite, welches Lied man zurzeit am liebsten hört, ob man einen Freund hat, wie es meinen Eltern, ihren Großeltern geht (genau genommen hat sie nur nach ihrem Opa gefragt. Oma ist quasi schon durch). Ich bete laut nach einem Parkplatz und sie lacht mich aus: es ist Weihnachtsmarkt!, da gibt es keine Parkplätze! Doch doch, erwidere ich, ich habe eigentlich immer Glück, wir müssen nur dran glauben! Prompt wird eine für mein Schiff Auto entsprechend große Parklücke frei. Sie staunt wie souverän ich einparkt. Ich frage sie ob sie Falafel kenne, ich bin gerade aufm Falafeltrip, kennt sie nicht, aber ich hole mir eine(n) (? esse das gerade erst zum dritten Mal in meinem Leben) und genießen den liebevollen Smalltalk mit dem Falafelmann. Darauf habe ich mich den ganzen Tag gefreut!, strahle ich ihn an, als er mir das Teil anreicht. Er freut sich. Ob ich hier arbeiten würde, ja und nein, also nicht in der Innenstadt, mehr in der Uni. Er ist oberklasse herzlich. Da ich fast nur auswärts und alleine esse, liebe ich herzliche Döner/Falafel/Salat/Pommes/Mensafraß-Verkäufer. Das ist quasi meine Essensgesellschaft. Das Kind kennt das nicht und möchte nichts bestellen, fragt aber genau nach was ich von der Karte dort bestellt hätte. Die Nummer eins. Ich verwerfe den Gedanken sie beißen zu lassen leider sofort, da ich ihre verfaulten Zähne sehe. Vom Zähnezusammenbeißen liege gerade einige Zahnhälse bei mir frei, da kann ich mir keine Bakterien leisten. Es ist schrecklich, ihre und meine Zähne, aber es ist nun mal so. Es ist die verdammt verfickte Wahrheit, auf beiden Seiten. Genau genommen ist sie recht attraktiv, blond und schöne leuchtende blaue Augen, aber sie ist jetzt schon fett (in meinen Augen) und sehr ungepflegt. Meine Schwester hat sich nie um sie gekümmert, macht sie auch jetzt noch nicht, und das verhält sich einfach sich einfach so, dass meine Schwester dermaßen emotional behindert ist, dass sie sich nichtmals um sich selbst kümmern kann. Omg, es ist alles so übel und traurig....Also diese hübsche blonde Zwanzigjährige ist nun aus der Schule raus (nach zehn Schuljahren in D muss keine Schule mehr einen Jugendlichen annehmen), hängt den ganzen Tag nur zu Hause rum, hat kaum Freunde, weiß sich nichtmals selbst zu pflegen, guckt nur Fernsehen oder "macht Internet" uswusf. Wir schlenderten also über den Weihnachtsmarkt, ich mit meinem (meiner?) Falafel, sie so nebenher und ja, und nichts..mein Fuß schmerzte...Ich probiere gefühlte eine Mio Käse und Wurstsorten die da so angeboten wurden, zieh sie an einen Stand an dem mir die selbstgenähten Sachen so gut gefallen, schaue mit ihr hier und da, ziehe irgendwann ihren Arm durch meinen und lasse mich treiben. Irgendwann kommen wir am meinem Lieblingsklamottengeschäft vorbei und ich schlage vor, dass wir dort eine Runde schauen. Da ist so teuer!, sagte sie empört. Und ich erklärte ihr shopping. Wir ziehen durch den kompletten rieseigen Laden und ich zeige ihr wo die reduzierten Sachen von all den Topmarken hingen. Ich zeige ihr, dass ich woanders gar nicht wühlen würde, sondern immer nur nach den Ständern mit den Reduziertschildern Ausschau halten würde. Irgenwann begreift sie. Nach gefühlten zwei Stunden zeige ich ihr ein Teil. Nein, sagte sie. Und ich so: doch, ich dachte du liebst diese Farbe! Sie so: ach so, für mich???? Ich so: ja klar!, ich schaue nur für dich! Ach so, sie dachte ich schaue nur für mich. Nee...Ja dann bitte gern ncoh mal da hinten schauen. Wir strahlen uns an und finden erneut diese ungelaublich weiche Kaputzenjacke von [absolut überteurte Firma]. Nach zehn Minuten catwalk und durchüberlegen ob die Jacke das Geld jetzt wirkich wert sei, gehen wir zur Kasse. Zwischendurch zeigt sie mir übrigens ein schwarzes kurzes Kleid. Meine Meinung nach nciht schlicht genug, ich dachte ihr würde es gefallen und es war wirklcih glamurös, und sie sagt trocken, dass das was für mich sei. Fand ich schön irgendwie, dass sie für mich so was Glamouröses aussucht. Überhaut schaute sie viel für mich. An der Kasse sagte ich ihr, dass der Pullover einfach schweineteuer sei, und deswegen sei jetzt auch eh egal, was denn mit dem Armbändchen sei was wir da ganz am Anfang gesehen hätten. Es war unglaublich, sie hatte es wirklich gecheckt: ja, das sei schön, aber nicht so schön, dass man es jetzt kaufen müsse. Wir lassen das sieben euro neunundneuzig Teil hängen und zahlen den teuren Pullover.

Spätestens nach der ganzen Shoppingaktion habe ich Bierdurst und schlage das Kneipenviertel vor, damit sie noch was essen könne. Als sie ihre Bestellung aufgibt ruft mein Vater an. Ich gehe raus und erzähle was ich gerade mache. Er freut sich. Nach meinen Erzählungen nennt er den Grund seines Anrufs: meiner Mutter ginge es schlecht. Wir sprechen zehn Minuten und ich nehme das Kind mit samt dem chinesischen Essen mit in die Fußballkneipe. Ich bin erstaunt wie fachmännisch sie für Schalke wettert (hier ist Ruhrpott, hier ist viel Schalke). Ich muss ihr dennoch kurz Abseits erklären aber dann kommen wir auf ihre berufliche Zukunft zu sprechen. Sie will im Zoo (schön mit Tieren!) arbeiten, ekelt sich aber davor die Zitrone aus ihrem Erfrischungsgestränk mit den Fingern zu nehmen. Ich versuche sie ein bißchen zu coachen, bekomme das geschickt in die Richtung gelenkt, in die ich Connection habe, aber letztendlich freuen wir uns beide einfach nur, Zeit miteinander zu verbringen. Im Telefonat brachte mein Vater plötzlich den Terminvorschlag des zweiten Weihnachtstages hervor, lud sie quasi ein und sie fragte nun nach einem Geschenkt für Opa. Nach zwei Bieren zahle ich und wir kaufen im Supermarkt einen tollen Balsamico für ihn. Sie bleibt bei den Schnittblumen und ich kaufe diese noch spontan mit, für ihre Mutter. Fährst du mich nach Hause, mein Bus kommt nur einmal die Stunde. Ja klar! Komm noch mit zu meiner Mutter, sie freut sich. Das sage ich ab. Ich sage ganz offen: das kann ich nicht. Ich will sagen: ja, ich soll in der Familie immer machen, dass sich alles freuen, aber keiner macht was, damit ich mich freue. Ich spreche das nicht aus, aber ich glaube sie hat das ganze Ding längst durchschaut. Familie halt.

Kurz nach zehn zu Hause erwartet mich ein Brief von der Firma. Für einen Moment habe ich Angst vor einer Abmahnung, aber dann lese ich Prämie. Nicht hoch, aber immerhin. Und ich weiß: das ist eine von denen in der Höhe, die nicht jeder Mitarbeiter bekommt. Ein kleines Gefühl von Wertschätzung.