Die Therapie am Fuß treibt mir Tränen in die Augen. Laut schreie ich auf, zähle die Sekunden dieser Stunde und leide. Ich erzähle der Physiotherapeutin (eine junge, nette, vermutlich lesbige (!) Frau) dass ich bisher hier immer nur Fangopackungen bekommen hätte und mich immer gefragt hätte, warum die Menschen in den Kabinen nebenan so laut stöhnen würden, jetzt wüsste ich warum. Ich beiße die Zähne zusammen, lasse mir erklären was sie da genau an meinem Fuß macht und liege dabei noch recht attraktiv auf der Liege rum. Ich sehe dass sie mich genau anschaut. Sie ist süß. Vielleicht Mitte zwanzig, wenn überhaupt, kurze dunkle Haare, gestylt. Sie trägt ein T-Shirt und ich sehe ihre muskulösen Arme. Mir schießen Tränen in die Augen. Ja, das kommt von der Fehlstellung, erklärt sie mir, von der Fehlbelastung über drei Monate. Aber ich habe mich schon seit zwei Wochen nach dem Unfall bemüht normal zu gehen und ordentlich abzurollen!, versuche ich mich zu rechtfertigen. Ja, das sei auch gut, antwortet sie, sonst sei es jetzt noch schlimmer. Ich kann mir noch schlimmer nicht vorstellen und stelle den Vergleich zu üblen Zahnschmerzen. Wir schauen uns in die Augen, lachen, ich verziehe wieder vor Schmerzen mein Gesicht, ihr Blick wandert über meinen Körper und mir wird klar: ich bin mittlerweile so durchtrainiert, dass man das sogar durch Bürofummel sieht. Zwangsläufig höre ich die Gespräche in den Nachbarkabinen mit und ich möchte behaupten, dass ich ein guter Termin bin.

In meinem Fuß rumort es. Im Frühling bin ich wieder fit. Bis Frühling ist noch genug Zeit zum Auskurieren. Der nächste Frühling wird meiner. Bis dahin beiße ich noch einmal die Zähne zusammen.




Ich hätte heute Weihnachtskarten besorgen und schreiben müssen, das gute Netzwerk will gepflegt werde, aber ich verbringe den Abend am Bett meiner Mutter. Wir können sie kaum noch aus dem Bett in den Rollstuhl holen. Sie ist extrem schläfrig, trinkt und isst kaum noch, jammert zwischendurch. Es geht ihr schlecht. Es geht ihr extrem schlecht. Sie hat Schmerzen, nehme ich an. Und ich glaube sie hat Angst. Ich sitze zwei Stunden an ihrem Bett. Plötzlich klingelt es, mein Vater hat Nachbarn eingeladen. Das weiß ich aber nicht, ich höre nur ein klingeln und Leute die reinkommen. Ich trete mit meinem Fuß die Tür zu, will mit meiner Mutter alleine sein. Die ganze Situation wird surreal, meine Mutter stirbt da vor sich hin, irgendwer klingelt, mein Vater hat das erwartet, ich nicht, er holt Weingläser aus dem Schrank, verschwindet wieder (Pflegezimmer ist im Wohnzimmer), ich frage nur kurz wer wie wo was, ich frage nur weil ich es ja nicht weiß -------orrr, ich kann das alles gar nicht mehr so wiedergeben. Ich solle doch auch Essen kommen, sagt er mir. Bring es mir hierhin, ich esse hier. Ich probiere alles mögliche mit dem Pflegebett aus, drücke sämtliche Tasten, fahre meine Mutter hoch und runter und quasi vor und zurück, suche mir einen Hocker und sitze irgendwann relativ bequem mit Suppe auf dem Schoß neben ihr. Erzähle ihr irgendwas. Esse. Versuche ihr zu trinken und zu essen zu geben. Sie trinkt etwas. Ich halte ihre Hand. Mir schießen wieder Tränen in die Augen aber ich reiße mich zusammen. Mir kommt der Gedanke, ob man Sterbenden nur deswegen die Hand hält, damit man den Puls fühlen kann. Sie hört kurz auf zu atmen. Ich frage mich, was ich machen soll wenn sie jetzt stirbt. Hinten im Haus im Esszimmer höre ich den Besuch (ich weiß zu dem Zeitpunkt immer noch nicht genau wer alles da ist, die Perle von meinem Vater plus irgendwem. Ich kann ncihtmals einschätzen wie viele Menschen da zu Besuch sind. Es ist schrecklich.


Später stelle ich fest, dass es liebe Nachbarn sind. Die Perle drängt mich dass wir zusammen raus rauchen gehen. Ich winke ab. Bleibe spontan zwei Bier. Höre traurige Geschichten über meinen Kindergartenfreund. Trinke zwei Bier und vermeide mit ihr rauchen zu gehen. Irgendwann gehen wir dann doch rauchen. Sie fängt ein Gespräch an, auf das ich keine Lust habe. Ich habe auch jetzt keine Lust das aufzuschreiben. Ob ich wisse dass das mit ihr und meinem Vater mehr sei als nur Sportsfreunde. Meine Mutter liegt im Sterben, was willst du von mir?, möchte ich sagen, sage aber nichts, aber auch wirklich fast gar nichts. Du bist ja nicht doof, du hast das schon gecheckt, oder?, fragt sie. Ja richtig, ich bin nicht doof. Sie pocht weiter rum, will wohl von mir hören, dass ich das alles supertoll finde und ich antworte einfach nur noch immer wieder, dass sie das richtig erkannt hätte, dass ich nicht doof sei. Ja wie ich das denn sehen würde, wie ich damit umgehen würde. Ich schaue sie kalt von oben herab an, wir wissen in dem Moment beide, dass ich das Gespräch in Hand habe und sage nur kurz, knapp, bestimmt und Gespräch beendend, dass ich meine eigene Art hätte damit umzugehen. Sie sucht Draht zu mir, wechselt das Thema, fragt nach meinem Fuß usw, ich gehe nicht wirklich darauf ein, bleibe dabei aber höflich. Sie will meiner Mutter doch ncihts wegnehmen!, greift sie nochmal an. Dieser Frau kann man nichts mehr wegnehmen, sage ich nur duch einen klaren Blick.

Im Hintergrund läuft Radio wegen Pokal. Wir haben unerwartet gut gewonnen. Zwischendurch Musik. Summertime sadness. Mein Lied 2012. - Nothing scares me anymore-