Urlaub, die zweite.




Ich traue mich kaum es auszusprechen bzw auszuschreiben aber es geht mir nicht gut. Es geht mir genau genommen sogar richtig schlecht. Ich bekomme kaum ein Lächeln über die Lippen und kämpfe stattdessen mit den Tränen.
Alles fühlt sich schlecht an.
Ich versuche mich selbst aufzubauen, verlasse erfolglos meine Komfortzone, halte mir meine - rational betrachtend - äußerst gute aktuelle Situation vor Augen, schaffe es aber dennoch nicht gegen dieses schlechte Gefühl anzudenken. Es ist einfach da, in jeder Zelle. Es ist dieses "klein, fett und hässlich fühlen" gepaart mit dieser Platzlosigkeit - jeder hat einen Platz auf dieser Welt nur für mich gibt es keinen.
Ich erinnere mich was ich mit meinem Psychologen besprochen habe, was ich in so Situationen machen könnte. Leute treffen. Könnte ich hier theoretisch heute Abend, wie jeden Abend, einen Ort weiter, die Verbundenheitsgarantie. Vllt fahre ich später einfach rüber....erstmal noch ein Bierchen.....

Urlaub alleine findet am Rand der Komfortzone statt.

"Ich rauchte und trank zuviel Bier, aber das gehörte zu meinem Lebensstil."

Und dann sind plötzlich alle Tränen und all das schlechte Gefühl vergessen. Keine Spur mehr von der Panik, als der Roller im Sand stecken blieb oder nicht mehr ansprang. Verlebt, das Gefühl als ich mich wie ein Alien fühlte. Plötzlich haben selbst die Hormone am Zyklusende keine Macht mehr. Statt dessen macht sich ein fettes Dauergrinsen breit. Und ich habe bisher an noch keiner Tüte gezogen.
Alleine in den Sonnenuntergang blickend genieße ich alles, mich, das Leben. Alles ist gut. In der Erinnerung wird es sogar noch besser sein.

Plötzlich erinnere ich mich an eine Zeit in der ich ähnlich glücklich und befreit war. Es war am Ende des Studiums. Ich verbrachte den Sommer jobbend auf einer nl Insel. Ich hatte dort die ganze Zeit einen Ohrwurm von "viel Glück und viel Segen, auf all deinen wegen....". In meiner Lieblingstrandbar läuft gerade "Happy birthday to u, Happy biiiiirthday...". Und ich freue mich so über mich und mein Leben. So klasse dieses Gefühl.

Maulbeerbaum, mir wurde heute ein maulbeerbaum gezeigt und die Frucht genau beschrieben. Meine Gedanken direkt bei ihr <3

Two days left.

Das letzte San Mig ist leer, das heimische Leichtbier eiskalt. Die Sonne quält sich durch die Bäume, gelangt nicht mehr auf meinen Balkon. Die Blumen entfalten schnell noch die allerletzten Blüten durch das Laub. Die Freunde kommen nach und nach aus den Ferien zurück, in Fleecejacken im Garten sitzend werde ich empfangen und feste umarmt. Ich trage Kleidchen und Blüschen - ich bin noch nicht wieder hier. Tränen füllen immer wieder zwischendurch meine Augen, ich kann mir nur mit Sport helfen. Ich bin unglaublich fit. Der Blick in den Spiegel ist gut. Der Urlaub war gut. Die Aussichten sind gut. Laut dröhnt die Musik durch meine Wohnung.

Die Musik ist ein Ohrenschmaus für jeden Liebhaber elekronischer Musik. Und jetzt mal ganz schnell aufschreiben wie das ist, wenn es mir gut geht:

Zyklusanfang. Ab morgen quasi der neue Job. Welcome to the beat.

Ich bin unendlich dankbar für mein Leben. Im Urlaub wird mir klar: das Problem ist nicht, dass ich irgendwas nicht schaffe, sondern dass ich mir Sorgen darüber mache, irgendwas nicht schaffen zu können. Peu á peu setzt sich Stück für Stück alles zusammen.
Vor dem Urlaub wurde mein Geld knapp und das heißt bei mir, dass ich Sorgen habe drei, vierhundert ins Minus gehen zu müssen. Ich überlege meinen Vater um fünfhundert anzupumpen. Habe Angst zu fragen. Zu groß die Angst dass Vorwürfe kommen - kommst du mit deinen Finanzen nicht klar? hast du das nicht im Griff? Ich nehme all meinen Mut zusammen und frage ihn. Er fragt überrascht: sofort?? Nein, nein, in den nächsten Tagen. Er sitzt am Rechner. Klar, warte, so, hier eben eingeben, deine Kontonr? ja..ok, fertig, ist drauf. Ich bin erstaunt. Tage später im Urlaub sackt es und mir wird klar: es ist das erste Mal seit vierunddreißig Jahren dass ich ihn frage, ob er mir kurz Geld leihen könne. Mir fallen Freundinnen ein, die mehrere tausend ihren Vätern schulden. Sogar zigtausend. Ich glaube er ist unheimlich stolz auf mich und liebt mich sehr. Und er freut sich so sehr über meine neue Stelle. Und dass ich alleine in den Urlaub fahre und nette Bekanntschaften mache. Und überhaupt. Unser Verhältnis hat sich proportional zum Krankheitsverlauf meiner Mutter verbessert. Und ich glaube sie spürt das und ist froh darüber. Ihr war immer wichtig - bei all dem Kummer den sie in dieser Ehe hatte - dass er und ich ein gutes Verhältnis zueinander haben.

Auch das ist Liebe: über eigene Schmerzen und Verletzungen für andere hinwegsehen.

Die Bierfreundin schickt eine sms. Die beiden sind in seiner Heimat, reisen rum, treffen seine Freunde. Die Bierfreundin schickt eigentlich keine sms, die Bierfreundin weiß kaum ein Handy zu bedienen. Und da so am Strand sitzend, biertrinkend, erziehungbeobachtend fehlt sie mir so sehr und ich freue mich so sehr über ihre Nachricht. Und mir wird klar: sie liebt mich nach wie vor, sie war die letzten Monate nur mit diesem Mann so sehr beschäftigt. Und mir wird klar: sie ist meine Freundin. Sie darf sich von mir abwenden wenn sie wegen der großen Liebe beschäftigt ist. Und das ändert nichts daran, dass auch sie mich liebt so wie ich sie. Ich freue mich sehr auf die Umarmung wenn wir uns wiedersehen.

Ein Wiedersehen! Ich hatte nicht erwartet dass es so toll werden würde. Ich hatte Sorge ich erkenne ihn nicht. Der Italiener von Juni. Ich kam just in time zum Treffpunkt, am bananasclub wie verabredet, Knie weich, nüchtern, mit Tüte Bier, Wasser und Snacks. Er fuhr vor und ich erkannte ihn sofort. Ich will nicht angeben, aber ich sah gut aus. Kleidchen, Blüschen, hohe Schuhe die dennoch sportlich aussehen (Foto wird nachgereicht). Er strahlt mich an, steigt vom Roller ab, ich gehe auf ihn zu, umarme und küsse ihn einfach. Ich mag sein markantes Gesicht, drei Tage Bart, leicht ergraut. Wir fahren los. Sein Haus ist etwas weiter weg. Ich erzähle dass das mit dem neuen Job geklappt hat, er freut sich riesig für mich. Beim Fahren unterhalten wir uns bestens obwohl das beim Fahrtwind kaum geht. Ich bin überrascht wie gut sich das Wiedersehen anfühlt....so vertraut....so liebevoll seinerseits....Später sagt er, dass er mich sehr mögen würde und auch im Juni schon sehr mochte und ich frage mich, wie kalt ich rüberkomme. Ich weiß dass ich mich oft sehr cool wirke. Ich wusste nur noch nicht, dass das auch auf Männer so wirkt.

Heute in der Muckibude fing der alte Mann aber auch davon an. Er redete vom Ficken, dass das ja immer heißt "er hat sie gefickt" aber nie "sie hat ihn gefickt". Ich schmunzel und erzähle von dem Blondie den ich am dritten Tag aufgerissen habe [...]. Er wurde mir vorgestellt, wir zogen durch die Bars, fuhren dann zu ihm, lagen auf seiner Dachterrasse, klarer Sternenhimmel, und als der dann so auf mir lag dachte ich mir: och nee, das kann es doch nicht sein und sagte: leg du dich mal hin. Und so saß ich auf diesen hübschen jungen durchtranierten Mann und schaute in das weite große Universium. Danach fing der Urlaubsmodus an - danach ging es mir von Tag zu Tag besser.

Der alte Mann erzählt mir, dass es für einen jungen Mann auf jeden Fall eine Herausforderung mit mir sei - das ist der Moment wo er was bringen muss. Der Moment wo er seinen Mann stehen muss. Ich denke sofort an den Italiener, der plötzlich nicht mehr konnte als ich so auf ihm saß und alles perfekt schien. Condom is playing jokes on me....Es ist ihm unangenehm. Die Sonne prallt auf unsere Körper. Der Ausblick und unsere Körper zusammen sind die Höhe. Ich kann gar nicht genug Danksagungen an den Himmel schicken wie gut ich mich fühle [tbc].


Mein Nagellack korreliert eins a mit dem Handtuch das er mir gibt - ich habe nichts dabei außer Handtasche und Einkäufe bzw Drinks und Knabberzeugs (dachte ich müsste halt irgendwas mitbringen).

Wir betreten das Haus, welcome to can sowieso (leider vergessen). Ich betrete das Haus und bin beeindruckt. Er dreht Musik auf. Ich schreite durch die Räume auf die Terrassen. Alles perfekt.

Jokes. Das grenzte dann doch schon an extrem schwarzen Humor dass es viel zu oft in Begegnungen dort um Tod ging. Enge Begegnungen. Im Pool hielt ich mich plötzlich an ihm fest - oh it´s quite deep, I can´t stand! Laughting. Oh, stay near to me, I don´t need a dead german woman in my pool here, that would finally finish everthing betweet germans, italiens and spanish! Wir lachen. Ja, das würde dann der Tag an dem die Deutsche bei dem Italiener im Pool ertrankt, das war der Tag als die Italiner endgültig verhasst waren auf der Insel, der Tag der den Krieg auslöste. Wir lachen. Wir erfinden ein englisches Wort für Muttermale weil wir es beide nicht kennen. Später werden alle Menschen dieses Wort nutzen - it was made-up when that german woman was drowned in the pool of that Italian! Unser Humor ist extrem schwarz und ich höre auf zu lachen, als die nächsten lieben Menschen die auf der Insel treffe, anfangen Witze über meinen Tod zu machen.

Überhaupt: wenn ich zurzeit weine, dann weil ich feststelle wie schön und dabei doch so vergänglich das Leben ist. Meine Güte bin ich froh dass ich bisher immer durchgehalten habe.

Nails....


...and more....


Nachdem ich den Murakami ja im Juni ausgelesen hatte, hatte ich nun eine empfohlende [tbc] Lektüre dabei. Sommerhit vom Tom Liehr oder so. cool sein und wie sich alles zum Guten wenden kann war das Thema. Nach drei Tagen hatte ich es durch. Ich verschenkte es dann, weil ich ein Gastgeschenk brauchte.

Wie cool bin ich in den letzten Jahren geworden? Wie verhärtet? Mein Lächeln kommt herzlich und strahlend, aber da muss eine extreme Mauer entstanden sein. Die gute Mine zum bösen Spiel schon inflationär verbraucht. Mir wird das plötzlich klar als der Italiener anfängt mir zu erzählen, wie sehr er mich mag und auch im Juni schon mochte. Ich bin perplex über das Gespräch - war ich doch bemüht die ganze Sache als simplen Urlaubsfick abzutun. Die Tränen hat ja unter der großen Sonnenbrille niemand gesehen. Und dann fängt er plötzlich an über Gefühle zu sprechen wo ich doch schon längst auf seinen Roller gestiegen bin, qusi schon für die nächste Nummer ohne groß Reden zugestimmt hatte. Er schaut mich an, spricht zögerlich, vorsichtig. Weiß kaum was von mir. Ich will sagen, dass ich die Erinnerungen an den Tag in rockybeach geliebt habe, aber er kommt mir zuvor, fast mit genau dem Wortlaut, den ich mir schon ausgemalt habe. Ich füge nur hinzu, dass es der Geb meiner Mutter gewesen sei. Er lacht, sieht meine Mine, weiß nichts über meine Mutter. Wir sprachen aber damals über seine Mutter, da er ein Zwilling war, sein Bruder jedoch kurz nach der Geburt starb.

Nun ja. So wenig Worte. So viel gefühlt. Diese Erinnerungen sind unbezahlbar.

Ich erzähle von dem neuen Job, erwähne aus Versehen, dass es auch um viel Geld ginge. Er fragt wie viel ich dort verdienen werde und ich antworte spontan die Summe. Bin erstaunt über meine spontane Antwort und sage dass ich normalerweise nich gerne über Geld und Gehälter spreche....aber dass ich annehme dass er da doppelte verdient...ja :-) antwortet er, aber das sei egal, am Monatsende sei er auch Pleite. Wir lachen. Überhaupt: wir lachen viel.