Der neue Job ist nach wie vor klasse und mir geht es gut. Ich fahre gerne morgens dorthin und ich arbeite gut und es macht Spaß. Das Kollegium ist klasse. Es tut unheimlich gut Arbeit nicht als Belastung und größten Energieräuber zu erleben. Ich fühle mich wie neugeboren, ein neues Leben. Ich muss mich erst mal daran gewöhnen. Ich könnte Stories erzählen was für tolle Sache dort abgehen, aber wahrscheinlich bin ich schon zu sehr daran gewöhnt nur Kummer runterzuschreiben...
pms ist im Anmarsch und ich habe mich heute in zufriedener Stimmung auf dem Rückweg noch gefragt, wie sich das dann jetzt wohl äußern wird. Ich war nach der Arbeit laufen, ein paar Klimmzüge, ein paar situps usw. Herrlich. Danach habe ich eine neue Häkelarbeit erneut aufgenommen (versuche mich seit einer Woche an einem neuen Muster...) und dann gerade kam doch was hoch was mich sehr traurig stimmte. Ich hatte eine Heulerei wegen Singledasein erwartet und dass ich bald wirklich Mitte dreißig werde schwirrt eh die ganze Zeit in meinem Hinterkopf rum, aber irgendwie ist der Schritt-für-Schritt-Gedanke dann doch stärker und jetzt ist erst mal Baustelle Nr eins aka Job positiv geändert und dann wird das nächste Gute auch bald kommen. Ich bin mir fast ziemlich sicher.

Meine Mutter. Es tut einfach weh. Es hört nicht auf. Ich breche zwar nicht mehr wie vor Jahren in Tränen aus, selbst jetzt nicht wenn es wieder mal so akut weh tut, und dennoch tut es weh wie eh und je. Die Zeit heilt keine Wunden die nicht aufhören zu bluten, sie schenkt höchstens Gewöhnung. Wie es sich anfühlen wird wenn sie stirbt, frage ich mich. Und wie sich das ab dann für mich anfühlen wird. Anders, wahrscheinlich. Ich war gestern nach der Arbeit in der alten Firma, nur die liebe Kollegin und mein lieber Nachfolger waren da (wusste ich, wäre sonst auch nicht hingefahren). Vom lieben Nachfolger ist neulich die Mutter gestorben, einfach so, über Nacht. Keine Vorerkrankung oder so, nichts, eine ganz normale Frau von Ende fünfzig (meine ich). Ich fuhr ihn nach Hause und vor seinem Haus fing er an zu erzählen und Tränen standen in seinen Augen. Er brachte kurz die Fragestellung auf, was schlimmer sei, so wie seine Mutter verstorben ist oder wie das mit meiner Mutter aussieht. In wenigen Sätzen klärten wir, dass es dazu keine Frage gibt - das ist unbewertbar. Wir umarmten uns zweimal feste und von Herzen. Ich mag ihn wirklich sehr und wir verstehen uns sehr gut. Er erwähnte selbstvorwurfsvoll dass er viel trinken xxx rauchen würde. Ich sagte ihm, dass er sich dazu keine Vorwürfe machen solle, wenn man sich in so einer Zeit betäubt, sei das doch menschlich und ich kenne niemanden, der Herz hat und sowas mal "eben so" wegsteckt. Er hat übrigens nebenbei noch einen Rechtsstreit (er ist im Recht) bzgl. einer neuen Wohnung am Hals und dem Vater geht es zusätzlich gesundheitlich sehr schlecht. Er hat keine Geschwister.

Heute ist Tag meiner Eltern. 1710. Es ist ihr Kennlerntag und wurde irgendwie zu einem Datum in unserer Familie. Ich weiß nichtmals wann ihr Hochzeitstag ist. 1710 war immer der Tag. Ich hatte vorhin kurz überlegt meinen Vater mal anzurufen.

Trockener Humor wurde in meinem Elternhaus immer schon groß geschrieben. Wenn wir jetzt mal was vergessen oder uns was nicht einfällt heißt es immer: Scheiß Alzheimer, ist einfach ansteckend!

Ich habe meinen Vater nicht angerufen. Vielleicht hat er den Tag heute einfach vergessen. Vielleicht wollte ich nicht in Wunden bohren. Vielleicht wollte ich mir das nicht antun. Vielleicht hat er schon längst eine Flasche vom besten Wein gekippt.

Alle Autos bei uns in der Familie hatten früher die 1710 auf dem Nummernschild. Ich fahre wahrscheinlich das Letzte davon. Bis nächstes Jahr noch. Danach wird es vllt die 2712.

Irgendwas mit pms, einer Grundzufriedenheit, ein wenig Zukunftsorgen, ein bißchen Trauer und ein paar Leichtbier. Nicht alles zu viel.




Wie es sich anfühlen wird wenn sie stirbt, frage ich mich. Und wie sich das ab dann für mich anfühlen wird. Anders, wahrscheinlich.

Mit dieser Frage habe ich mich heute auch wieder herumgeschlagen. Vielleicht erfahre ich das früher als mir lieb ist oder es zieht sich länger hin als für meine Mutter gut ist, keine Ahnung. Aber sie hat mir heute am Telefon gesagt, dass sie das Gefühl hat, am Ende des Weges angekommen zu sein...

Geht es ihr gesundheitlich schlecht? Oder ist sie einfach durch mit dem Leben?

Letzteres. Sie ist 86, merkt, dass vieles nicht mehr so geht wie bisher, hat die Frage nach betreutem Wohnen etc. ewig vor sich her geschoben, jetzt kommt inzwischen aber schon ein gewisser Druck dahinter. Bisher hatte ich den Eindruck, es wäre vor allem die Angst vor dieser Veränderung ist, die sie so niederdrückt, aber womöglich ist es halt doch der Akku-Ladezustand als solcher.

Muss mir da ein Bild vor Ort machen in den kommenden Tagen, auch nochmal mit meinen Brüdern konferieren, dass wir da jetzt nicht mehr ewig lang recherchieren wegen alternativen Heimplätzen und hin und her sondern Nägel mit Köpfen machen müssen.

Sind Sie direkt dieses We dort? Ich finde Ratschläge doof aber: nehmen Sie ihre Tochter mit.

Meine Vermieterin und mittlerweile liebe, geschätze Freudin (ü70) erzählte mir mal von einem ihrer Kalendersprüche. Es stand auf einem italienischen Kalender (sie spricht mehrere Sprache fließend, u.a. italienisch)(frei übersetzt): alleinstehende Frauen werden im Alter Hexen, Mütter werden Liebe.

Ich glaube Ihre Mutter erfreut sich sehr über dieses Enkelkind.

Und ich werde nie vergessen wie ich meine Oma einen Tag vor ihrem Tod besuchte und sie sich unendlich darüber freute. Oma-Enkelkind ist einfach nochmal eine ganz besondere Beziehung. Eine Beziehung die alles andere ausblendet. Ich unterhielt mich viel mit meiner Omma. Wir saßen einfach mittags da und unterhielten uns, also damals, als der Opa noch lebte, als ich nicht mehr Kind sondern schon Jugendliche war, und ich dennoch zwei.dreimal die Woche zum Essen dort war. Wir unterhielten uns einfach. Ich fragte nach Details von früher. Oder sie erzählte mir irgendwas anderes. Ich weiß noch wie sie mir erklärte, dass bei ihr nur noch wenige Jahre bevorstanden und bei mir noch viele Jahre kommen werden. Mit ihren grazilen, eleganten, schlanken Fingern zeigte sie mir genau auf wie wenig Leben da noch bei ihr sein wird, wie wenig Zeitspanne, und wie viel noch bei mir sein wird. Und sie erzählte mir Familiengeheimnisse. Die andere Oma übrigens auch. Ich glaube ich kenne mehr Familiengeheimnisse als sonst jemand aus der Familie. Von der Abtreibung die "irgendwer" oben im Zimmer machte und das Blut in Strömen die Treppe runterfloss. Oder davon, wie schlecht es die Mutter der (anderen) Oma später als Stiefkind hatte, als ihre Mutter verstorben war und der Vater eine neue Frau hatte.

Wie dem auch sei! Was ich eigentlich sagen wollte: geht es letzten Endes nicht darum, den Menschen in der Familie (oder die einem ansonsten nahe sind) zu zeigen dass alles gut ist? Ihnen das (aufzu)zeigen, was gut ist? [Oh, leider aufgrund von Bierchen kein ordentlicher Satzbau mehr möglich!], ihnen das Leben gut abzurunden? Abseits von all dem vielen Kummer Gelungenes vorzustellen? Zu zeigen dass auch gutes weitergehen wird. Und ich glaube Ihre Tochter ist sowas.

Bisschen Kuddelmuddel hier im Text! Bisschen Bierkuddelmuddel. Nun denn! In Schleife und im Hintergrund: Stolen Dance, Milky Chance.

Sie sehen das schon richtig mit dem Oma-Enkelin-Ding, mademoiselle793 und ihre kleinere Cousine, die grade anfängt zu sprechen, sind der totale Sonnenschein für meine Mutter. So sehr, dass meine beiden älteren Brüder mit ihren mittlerweile erwachsenen Kindern schon manchmal ein klein wenig genervt sind.

Aber Töchterlein ist ziemlich kurzfristig zu ihrer Austauschfreundin nach London geflogen, von daher wird es eher nichts, mit ihr noch in den Herbstferien Oma zu besuchen. Muss jetzt auch erst einmal sehen, wann es meiner Mutter in den kommenden Tagen passt, sie guckt sich noch das eine oder andere Heim/betreute Wohnen an...

Ach halb so wild, Großmütter freuen sich auch sehr wenn Enkelkinder reisen. Sie gönnen es ihnen so sehr die Welt zu entdecken.

Drücke die Daumen, dass das alles gut klappt mit neuer Behausung suchen etc.