Schon schwer geweint heute und das Bier ist auch auf. Habe ich doch keine neuen Kästen gekauft und bewusst verzichtet, so ging es heute nicht anders. Sieh zu dass du immer Zigaretten im Haus hast und deswegen nicht zur Tanke musst!, schlägt die Freundin (die mit den kleinen Kindern) vor, nachdem sie mir den Tip gab, damit anzufangen, dass erst mal gar kein Bier im Haus ist. An der Tanke eben auf dem Heimweg habe ich dann nicht Zigaretten und Bier sondern Bier und Zigaretten gekauft. So irgendwie.
Der Wagen sollte eigentlich nur die Winterreifen draufgezogen bekommen, doch letzten Endes zahlte ich mal eben über vierhundert Euro. Bremsen etc. Der Meister informierte mich telefonisch über diese dringenden Reparaturen. Ich fragte die ganze Liste nochmal en detail ab ("Sie sehen selbst wie alt der Wagen ist - bitte zählen Sie jetzt noch mal auf was wirklich nötig ist") und ich bat darum, die Bremsscheiben aufzubewahren und mir später bei Abholung zu zeigen. Wir verblieben mit notwendigen Reparaturen um die dreihundertfünfzig euro. Als ich dann kurz vor Feierabend der Werkstatt dort vorbeikam und den Wagen abzuholen (in der Stadt wo ich arbeite), war ein anderer Mechaniker dort. (Auch er: sehr hübsch. Da arbeiten schöne Männer - nur so am Rande bemerkt). Er sah die Notiz dass ich die Bremsklötze sehen wollte in dem Moment, in dem ich auf die Rechnung schielte und einen Betrag gut über vierhundert las. Wir gingen in die Halle um mir die Dinger zu präsentieren. Ich schaute auf die Anrichte und sagte: das sind nicht meine! Er schaute mich für drei Sekunden verdutzt an, dann lachten wir zusammen. Es war wirklich witzig. Wie ich auf die Teile schaute und ganz ernst und direkt meinte, dass ich wisse dass das nicht meine seien. Dass wir zusammen lachten war gut, denn als ich später mockierte, dass mir am Telefon dreihundertfünfzig und nicht irgendwas über vierhundert gesagt wurde, und es mir hier sicherlich nicht um zehn euro ginge und ich jetzt wirklich etwas verärgert sei und zum ersten und jetzt vllt letzten Mal hier sei und dass ich das natürlich morgen den Kollegen da-und-da (beim größten Arbeitgeber dort nur zwei Straßen weiter) beim Mittag erzählen würde, ging er mit dem Preis nochmal ca. dreißig euro runter. Vorher rief er den Meister an und fragte wie er mir dreihundertfünfzig am Telefon nennen konnte - der lügte und sagte er hätte vierhundertfünfzig gesagt - aber ich, ich hatte das Telefonat mitgeschrieben. Ich wurde an dem Punkt echt sauer. Naja. Jedenfalls mal eben über vierhundert euro für Bremsen gezahlt. Schade für die Begünstigten (=Papa) meiner Lebensversicherungen. - ok, der war mies >:-(
Jedenfalls flossen im Auto auf der Rückfahrt fünfzig km lang die Tränen, richtig schlimm. Ich fragte mich ernsthaft, was das jetzt sei. Sicherlich gehen vierhundert euro auch nciht mal eben spurlos an mir vorbei, aber das Geld ist irgendwie da, das ist Portokasse. Auch wenn die jetzt platt ist. Ich werde es spüren, aber nicht ernsthaft. Ich lebe unter meinem Niveau, da ist immer Geld da. Also fragte ich mich ernsthaft was mich jetzt so traurig macht. Und es war Traurigkeit, keine Wut auf ein kaputtes Auto oder so, es war ganz klar Traurigkeit. Und dann fiel es mir auch recht schnell ein: da wartet keiner zu Hause der sagt: och scheiße, aber komm, was solls. Oder der mitzurechtredet dass das jetzt einfach nötig war und mitüberlegt wann welches Auto nächstes Jahr gekauft wird. Oder so.
Es wird immer stärker, dieses alleine-fühlen, alleine-sein. Und dann potenzieren sich alle Gedanken ganz schnell: toll dass ich es endlich geschafft habe einen guten Job zu bekommen aber was habe ich sonst erreicht? Um mich herum bauen alle Häuser oder Familien. November. Bald Weihnachten und Co. Vorbei all der Sonnenschein, all die kurzen Röcke, all dieses draußen abhängen, all der Urlaub, all die sonnigen Momente. Die Heizung summt verlässlich. Der Alltag fliegt so vorbei. Im Fenster in der Küche sehe ich das Spiegeln meiner Küche.
Nach fünfzig km Tränen kam ich an meinem Elternhaus an um die Sommerreifen zu deponieren. Meine Mutter hängt auf halb acht im Rollstuhl. Mein Vater sitzt vor ihr und füttert sie mit Apfelsaft und Dominosteinen. Die Pflegepolin ist nicht da, sie hat heute ihren freien Tag. Es ist Dienstag. Ich will eine Umarmung von meiner Mutter, aber es geht nicht mehr. Sie kann es nicht mehr. Ich esse drei Frikadellen auf der Hand. Mein Vater meint ich solle mich richtig hinsetzen und vernünftig essen, nicht so im Stehen, Brokkoli ist auch noch da. Wir sprechen nur kurz über das Auto und es ist völlig klar dass die Reparaturen nötig waren. Er überlegt kurz wie er seinem Händler ein weiteres neues Auto abschwatzen kann. Er ist unheimlich ruhig geworden, er stresst nicht mehr. Irgendwann füllen sich meine Augen mit Tränen und ich sage dass ich einfach alleine bin, jetzt und Weihnachten und am Geburtstag und Silvester und auch gleich zu Hause. Er sagt was von Schritt für Schritt und wie gut es doch sei dass ich den neuen Job hätte. Er weiß kaum mit meinen Tränen umzugehen und bleibt dennoch ruhig. Es tut gut. Wir umarmen zusammen meine Mutter. Sie reißt die Augen auf und wir wissen beide: sie erkennt mich. Ein Moment von Gold.
Tränen und "Love is the answer" - aloe blacc in Schleife
mark793 am 05.Nov 13
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Ein Moment von Gold.
Freut mich so, dass Ihnen das vergönnt war.