Es ist nicht einfach wirklich vieles einfacher, besser geworden, und dennoch: alles zuviel. Mein Körper rebelliert. Schon die ganze Woche. Magen, Allergien, Knie usw. Es fühlt sich an als wäre die letzten Jahre viel zu viel alles zu viel gewesen. Ich fühle mich wie verkatert. Bekomme das alles gar nicht mal so eben verdaut, obwohl Ruhe einkehrt.
Die neue Stelle ist so stressarm wie stressig jobtechnisch die letzten Jahre waren. Meine Mutter hat quasi fertig, wir haben die schwierigste Phase überstanden, sie bekommt kaum noch was mit. Mit meinem Vater ist es gut, wir kommen immer wieder auf die Ebene, auf der wir miteinander reden können. Die Beziehung zwischen uns ist sehr hochwertig geworden. (tbc)




Naürlich ist nicht alles paradiesisch. In dem Laden der neuen Stelle gibt es auch mikro-, meso- und makrokriegerische Auseinandersetzungen. Ich bin mit meiner Stelle zum Glück komplett außen vor, aber es gibt sie halt. Hauen und Stechen teilweise. Hinterfotziges Verhalten. Selbstdarsteller, Machtmissbrauch, Mikropolitik halt. Ist jetzt also nicht so, als wäre es dort das Paradies. Für mich mit meiner Stelle schon.

Meine Mutter leidet. Selbst, obwohl sie fast nichts mehr mitbekommt oder vielmehr: äußern kann. Manchmal laufen ihr einsame Tränen übers Gesicht, erzählt mein Vater. Was machst du dann mit ihr?, frage ich ihn. Sie streicheln und gut zureden, antwortet er. Bei alledem was in dieser Ehe passiert ist: das muss Liebe sein.
Natürlich tut es mir weh und macht mich traurig sie so zu sehen. Aber ich habe noch genau ihre Worte in Erinnerung, wie sie mir erklärte wie dieser Zustand sein wird, eben dass ein Mensch mit dieser Krankheit in diesem Stadium kaum noch was mitbekommt, in seiner eigenen Welt lebt und es in erster Linie ein Horrortrip für die Nahestehenden wird. Sie würde nicht wollen dass ich jetzt nur noch weine, sie würde wollen dass ich lebe und mein Leben genieße. Wie toll das doch wäre, dass ich jetzt mit fünfunddreißig diese tolle Stelle bekommen habe (in dem Laden gibt es übrigens auch ganz viele tolle Kollegen) und wie gut ich mich doch für mein Alter gehalten hätte, und wie toll das ist dass ich so sportlich bin und so gute, liebe Freunde habe und und und. Sie würde mir zureden dass ich ab jetzt doch einfach lachen statt weinen soll. Ich vermisse sie so sehr. Und es tut so weh zu wissen, dass sie nie wieder zurückkommt. Es tut so verdammt weh.

Jedenfalls waren die letzten Jahre einfach irgendwie zu viel. Es stellt sich schwerer an als gedacht, ab jetzt einfach glücklich zu sein. Als wäre ich zu sehr daran gewöhnt, abends weinend und biertrinkend alleine an meinem Küchentisch zu sitzen. Es fällt mir schwer mich zu verabreden, rauszugehen, mit anderen was zu unternehmen. Alles scheint zu schwer. Morgen ist ein Trip mit Arbeitskollegen geplant, ich zögerte lange zuzusagen, ließ mich dann überreden, habe es zwischendurch bereut und würde am liebsten immer noch absagen, werde aber die Zähne zusammenbeißen und mitmachen. Ich kann das hier nicht genauer beschreiben, aber von außen betrachtet, hört es sich nach dem perfekten Freitag an.

Meine Schwester hat heute Geburtstag. Sie schickte mir zu Weihnachten und zu meinem Geburtstag Nachrichten. Ich habe nichts beantwortet. Ich schicke ihr jetzt eine kurze Nachricht. Alles sehr schwer. Und die Gewissheit: sie wartet nur darauf, schon den ganzen Tag, sie wird sich freuen. Das Thema mit meiner Schwester werde ich dieses Jahr angehen müssen. Dass der Nicht-Kontakt gut tut, versiebt mehr und mehr.

Sie wird vierzig btw.

"Alles Gute zum vierzigsten. Ich hoffe es geht dir gut. LG"

Antwort nach wenigen Minuten, danke, ihr geht es gut, wie es mir ginge. Ende.