Geburtstag meiner Mutter, schwerer Tag.




Sieh es systemisch!, denke ich mir und spüre dennoch die Stiche im Herz. Ich habe einen Trick gefunden, wie ich die Zähne zusammenbeißen und die Tränen aufhalten kann, ohne dass es jemand sieht: ich presse die Zunge gegen den Daumen und atme tief durch. (Dabei kann ich sogar noch ein freundliches Gesicht geben.) Und halte durch. Ich trinke genau nur so viel, dass ich noch fahren kann. Zwischendurch kurz die Idee mehr zu trinken und den Wagen stehen zu lassen - sofort verworfen.
Die Spirelle blüht. Ihr Lieblingsbusch im Garten. Blüht immer an ihrem Geburtstag. Genauso wie immer an ihrem Geburtstag schönes Wetter ist. Zufälligerweise wurde sie so positioniert, dass sie sie theoretisch hätte sehen können. Vielleicht hat sie sie ja gesehen. Sie blühte jedenfalls wunderschön. Blüht nur ein paar Tage oder Wochen, weiß nicht genau, jedenfalls immer nur kurz.
Ich kann meine Augen kaum offenhalten, bin krank, scheiß Gräserpollen.
Sechs alte Schulfreunde von ihr kommen gegen Abend vorbei. Ich freue mich sehr. Heino fragt immer wenn ihn treffe (ca. alle zwei Jahre) nach den Fotos von ihrem sechzigsten Geburtstag als "alle" da waren, sechs Jahre her, heute morgen habe ich einen Stick besorgt und die Fotos kopiert (für mich technisch einfacher als auf CD brennen). Als er mich begrüßte, sagte er direkt was dazu und ehe ich ihn begrüßte, irgendwas sagte, strahlte ich ihn an und hielt ihm den Speicherstick hin. Er ist groß und kräftig, und hat auch die entsprechende Schnauze dazu, ein Bilderbuchmann aus dem Ruhrpott, bißchen Goldkettchen, bißchen großkotzig und nennt seine Frau liebevoll Drachen. Liebevoll nimmt er mich in den Arm und drückt mich.
Alle drücken mich liebevoll. Es tut gut.
Ich bilde mir ein spüre wie meine Mutter spürt dass da Menschen zum gratulieren gekommen sind, die ihr am Herzen liegen. tbc

Nachmittags kam meine Tante zum gratulieren, ihre kleine Schwester die sie so liebte. Sie trank zwei Kaffee, redete viel und ging wieder. Sie blieb genau nur so lange, wie sie es schaffte. Es war gut. Meine Mutter hat diese so bekannte Stimme gehört und erkannt. Meine ich.
Ich hänge mit entzündeten Nasennebenhöhlen komplett durch, halte durch.

Jede Umarmung heute tat sehr gut.
Ich lausche den Erzählungen. Eine gute Freundin von meiner Mutter erzählt von einem, mit dem meine Mutter ging, bevor sie meinen Vater kennenlernte. Meine Mutter hat mir auch mal von dem erzählt. Sein Bruder ist mittlerweile schwer alkoholabhängig, mehr bekomme ich nicht mit. Meine Zuhörschwerpunkt liegt bei Heinz, jemand, mit dem meine Mutter lange sehr gut einfach nur befreundet war (er wohnte eine paar Häuser weiter, immer noch). Heinz stellt sich mir jedesmal neu vor wenn wir uns sehen (ca. alle zwei Jahre). Er ist immer noch genauso, wie ihn mir meine Mutter (und auch meine Oma) immer in ihren Erzählungen präsentierte. Ich mag ihn. Ich mag was und wie er erzählt. Ich lächel ihn ein paar mal an, als er erzählt. Er hilft irgendwas in der Küche mit, irgendwas wegräumen. Zur Verabschiedung geben wir uns die Hand und ich nehme ihn einfach in den Arm und sage knapp, dass ich mich sehr über seinen Besuche gefreut habe, denn das sei auch ein Stück meine Mutter für mich, wenn ich ihre alten Freunde treffe. Ich gehe nicht als letzte.
Vorher [sry für Leser: wieder mal kuddelmuddeltext] sitzen wir in lauschiger Runde im Garten, die Dicke labert, die Dicke hat schon viel getrunken, sie redet und redet, ich bin angekotzt, lasse mir nichts anmerken und meine zu spüren, dass alle anderen ebenfalls ein ähnliches Gefühl empfinden. Die alten Schulfreunde meiner Mutter. Und die Dicke nimmt die Runde für sich ein.
Schwerer Abend. Aber ich fühlte mich verbunden.
Auf dem Heimweg im Autoradio "Celebrate good times...."

Seltsamerweise jetzt keine Tränen.

Jetzt vom Küchentisch abgeholt zu werden, das wär's.
Er ist gerade nicht da, aber ich weiß, dass es ihn gibt. Hilft ungemein um selbst aufzustehen und ins bett zu fallen.