Mein Vater ist im Urlaub, meine Mutter gut untergebracht. Ich habe diese Woche die Wahl: entweder meine Mutter besuchen oder meinem Vater das Haus putzen. Wahrscheinlich wird dies das erste Mal sein, an dem ich meine Mutter nicht besuche. Und wahrscheinllich ist dieses Mal auch das erste Mal dass ich denke: es ist ok, sie ist gut umsorgt.
Ich habe vier Kartons gepackt.
Ich erinnere mich, als ich aus meinem Zimmer ausgezogen bin, in diese Wohnung. Mein Zimmer war grandios. Durch eine ganz kleine Tür ging man in einen großen und doch kleinen Raum, mein Refugium, mein Museum. Gemütlich, so wie meine Wohnung wurde.
Museum trifft es nicht - vielmehr Ausstellung. Schon wie meine Lieblingshandtasche (seit knapp zwanzig Jahren) an der Tür hängt, erzählt Bände über mich und mein Leben hier in dieser Wohnung. Ich packe Kartons, trinke ein paar Bier, und mache Fotos. Das habe ich beim Zimmer versäumt.
Jetzt meine Mutter anrufen können, das wär´s. Ich habe mich schon viel damit abgefunden, dass ich sie nicht mehr sprechen kann. Und jetzt ist es doch mal wieder soweit, dass ich reden möchte, und keiner meine Mutter ersetzen kann. Für ein Gespräch gibt es heute Abend keine Alternative. Keiner könnte mich so verstehen und mir so zuhören wie sie. Und keinem könnte ich das so erzählen wie ihr.
Ich habe heute morgen schon auf dem Weg zur Arbeit geweint. Dann irgendwann mittags in meinem Büro. Promt kam jemand vorbei. Meine Stelle ist so gestrickt, dass ich nicht weinend im Büro sitzen kann. Und natürlich wusste ich was ich machen musste, musste einfach kurz raus, bin zur Post gefahren, und habe mich dann schnell gefangen und gut weitergearbeitet. Ich bin professionell. Aber Kollegen nicht. Ich wünschte ich könnte alles runterschreiben, und es geht nicht, weil ich dann nicht mehr anonym wäre. Kurz gefasst: es passierte der Alptraum für eine Stelle wie meine. Der worstcase. Der Moment, in dem ich alles geben muss. Ich glaube das kommt vielleicht drei vier mal in meinem Berufsleben vor. Dass es um Leben und Tod geht.
Ich weiß jetzt wofür man Kinder braucht. Als Handlanger. Wie oft, genau genommen meine ganze Kindheit lang, musste ich als Handlanger dienen!
Daran erinnerte ich mich gestern, als ich Regalbretter verbinden musste. Die "Kammer" habe ich gestern komplett mit Regalböden versehen. Einmal drumherum an allen Wänden. Dieses Schienensystem, was wir doch alle aus den siebzigern und achtzigern kennen. Übrigens: die neuen Träger sind nicht mehr kompatibel mit den alten Schienen. Wir waren überrascht. Jedenfalls ging es dann irgendwann darum, die Bretter also die Böden jeweils an den Ecken von unten mit Verbindern zu verbinden, dh pro Ecke und Regallage vier Schrauben von unten reinzubohren. Die eine Hälfte habe ich jeweils draußen gemacht, aber die jeweils anderen Bretter also Schrauben musste ich im Regalsystem machen. Und da fiel es mir auf: jetzt bräuchte ich jemanden, der von oben leicht gegenhält. So wie ich früher bei meinen Vater beim Helfen immer gegen das Brett halten musste. Die Tätigkeit, also dieses Gegenhalten war total stupide. Ich stand doof rum und wenn er dann bohrte sollte ich aufpassen und gegenhalten. Zwischendurch holte er neue Schrauben, tauschte den Akku im Akkuschrauber, fluchte weil eine Schraube nicht reinging, musst nochmal was nachsägen uswusf. Ich stand rum und beobachtete alles ganz genau. Und zwischendurch kam dann eben mein Einsatz, wenn er schraubte ich gegen das Brett halten sollte.
Mir fehlte gestern genau so jemand, jemand der rumsteht während ich was nachsäge, jemand der rumgsteht während ich fluche weil eine Schraube nicht reingeht, den Akku wechsle oder neue Schrauben hole und VERDAMMT NOCHMAL JEMAND DER GEGEN DAS BRETT HÄLT WENN ICH SCHRAUBE! Da fehlt einem eine dritte Hand. Und eine Kinderhand hätte gereicht.