Freitag, 16. September 2011
Ich versuche mich daran zu erinnern, was bei mir los war, als ich siebzehn/achtzehn war...es ist lange her... Kurz vor meinem achtzehnten Geburtstag hatte ich eine zwei in Deutsch. Vielleicht war es auch eine eins minus oder eine zweiplus - es war einfach eine gute Note. Vor allem bei dem Lehrer. Er gab Philo und Deutsch. Er erhielt Respekt. Er war alt, er war weise. Wenn es zu demonstrationszwecken nötig war, stieg er aufs Pult und unterrichtete von dort weiter. Er machte mich an wegen meinen Schuhen. Die neuen Schuhe! Wurde mir doch kurz vor der Stunde noch auf dem Flur von Mitschülern gesagt, sie sähen aus wie welche von genau diesem Lehrer. Das sagte ich ihm auch. Er applaudierte. Und er machte mich auch an wegen der Klausur. Ich erinnere mich noch genau, es war im Dezember 1996. Bei Stundenbeginn sah man den Klausurstapel auf dem Pult, vielleicht donnerte er ihn auch dorthin, jedenfalls lag er da, der Heftstapel und alle waren noch stiller als sowieso schon in seiner Anwesenheit. Er sprach leise, redete leise über diesen und jenen Schüler, wie schwierig auf diesem schlechten Niveau das Abitur zu erreichen werden würde, nuschelte irgendwas rum. Plötzlich sprang er auf - er war ein großer, schwerer Mann, nicht dass Sie denken er wäre fett gewesen oder so, er war einfach unheimlich männlich stark (heute sehe ich ihn ganz anders, bemerke ich gerade). Er sprang also in seiner ganzen Größe auf dass alle erschraken und fuhr mich an: woher ich diese Interpretation hätte. Ich antwortete ehrlich: sie kam einfach von mir, ich hatte keine Interpretationshilfen für diese Klausur gelesen. Ich hatte Angst, vor ihm, vor einer fünf. Mein Abi war eine knappe Geschichte, ich konnte mir keine Fünfen in Deutsch leisten. Er schrie mich irgendwie weiter an und ich hatte irgendwie weiter Angst und dann sagte er, dass das eine gute Arbeit gewesen sei. Ich glaube im Nachhinein, er war persönlich verärgert, weil er sowas von mir nicht erwartet hatte. Er hatte sich mit mir vertan, hatte mich falsch eingeschätzt. Jetzt frage ich mich, wie er nun über mich urteilen würde (er urteilt über Charaktere), wenn er sehen würde, was ich studiert habe, wo ich arbeite, wie ich meine Mutter pflege, wie stark ich rauche und wieviel ich trinke, wie ich mich im Leben quäle und dass seine damalige Lieblingsschülerein, vielmehr seine damalige Lieblingsdiskussionspartnerin, mittlerweile eine meiner besten Freundinne ist (für den aufmerksamen Leser: es handelt sich um die Bierfreundin, die zwei Straßen weiter wohnt und jetzt in NY war).

In den selben Wochen, halt kurz vor meinem achtzehnten Geburtstag also im Dezember sechsundneunzig machte ich meine Führerscheinprüfung, an einem Freitag den dreizehnten. Ich erinnere mich gut an die Prüfung. Ich fuhr nämlich zu schnell. Ich konnte die Maße des Autos nicht einschätzen, ich fuhr vorher schon zwei Jahre Vesparoller, also ich kannte und konnte Straßenverkehr, aber nun mit so einem großen Gefährt, fuhr ich in den Fahrstunden oft zu langsam, zu zögerlich. So gab ich Gas in der Prüfung, man hörte damals ja allesmögliche über die Fahrprüfung und eben auch, dass schon Leute durchgefallen waren, weil sie zu langsam fuhren. Ja, so war das damals mit achtzehn, man unterhielt sich über Führerscheinprüfungen. Manchmal frage ich mich, worüber man sich früher unterhielt. Jetzt fällt mir ein: mit achtzehn über sowas. Und als Kind? Man spielte, aber ich bin mir sicher, ich unterhielt mich auch mit Freunden. Nur worüber?
Ich bestand die Fahrprüfung weil ich eine Unfallsituation auf der Autobahn geschickt löste und zeigte, dass ich gut mit Gas, Kupplung und Bremse umgehen konnte und als es ans Einparken ging, parkte ich einfach rückwärts ein, als wüsste ich, wie es geht. Heute abend habe ich noch ans Einparken gedacht. Die Wahrheit ist: wirklich einparken habe ich erst diesen Frühsommer gelernt. Der Topf-Deckel-Mann erklärte mir es, sagte mir den Trick. Seitdem komme ich mit meinem Riesenschlitten in jede Parklücke und ernte Respekt von jedem Renter, der sich das Schauspiel - die kleine junge Frau in dem riesen Wagen - mit Interesse beobachtet.
Aber ich wollte auch über Mixtapes schreiben. Mixtapes waren damals nämlich eine große Sache.
Ich lernte in diesem besagten Dezember, nach der guten Note in Deutsch, der bestandenen Führerscheinprüfung und dem bevorstehenden achtzehnten Geburtstag einen Mann kennen. Ich habe ihn jahrelang geliebt und davon ist auch immer noch was geblieben. Wir trafen in einer Disco zusammen, er kam von einer Schlägerei und blutete. Ich kann es im Nachhinein nicht mehr wirklich nachvollziehen aber ich leckte das Blut auf seiner Hand einfach ab. Wir tranken und tanzten, und meine Freundin tanzte mit seinem Freund und eine wundervolle Zeit begann für uns. Wir dateten die Jungs und schnell waren wir als zwei frischverliebte Pärchen nur noch zusammen unterwegs. Das passte aber auch einfach. Das war wie im Film: zwei beste Freundinnen mit zwei besten Freunden. Wenn ich die Augen schließe sehe ich uns noch, zu viert in einem Auto, im roten Audi oder roten Fiesta oder rotem Fordkadett (irgendwie hatte man damals anscheinend rote Autos bemerke ich gerade). Wir waren unterwegs, fuhren rum, holten den und den ab, fuhren zu der und der Party, fuhren Gras kaufen, fuhren zu Konzerten, fuhren zu abgelegen Orten (zb Unigelände), wechselten uns dort ab mit jeweils ein Pärchen spazieren gehen und das andere Pärchen im Auto rumfummeln. Und dabei hörte man Mixtapes. Auf Reggaefestivals kaufte man damals noch Superbombing irgendwas, das waren die Besten. Als ich letztes Jahr auf dem Summer Jam in Köln war, suchte ich diese Kassetten vergebens. Oh wie klasse waren Mixtapes! Und man wusste genau wie weit man auf welcher Seite vorspulen musste, damit auf der anderen Seite dann das und das Lied kam. Am Besten war natürlich, wenn man nach einen tollen Lied auf der einen Seite umdrehen konnte und dann genau auf der anderen Seite ein anderes super Lied kam. Man kannte beiden Seiten auswendig. Cool waren dann auch Kassettendecks, bei denen man nicht umdrehen brauchte (also Kassette raus und umgedreht wieder rein) sondern durch gleichzeitiges drücken der Vor- und Rücksspultaste sich die Seite automatisch wechselte.
Was hörten wir? Wenn ich die Augen schließe und uns vier da im Auto sehe, höre ich.... Me and my Girlfriend. Tupac Shakur! Genau! Früher hörte man Tupac! Längst vergessen, RIP... All I need in life of sin is me and my girlfriend. Meine Güte, wie unkompliziert Liebe doch damals war. Von Beziehungen wussten wir eh noch nichts, wir kannten uns ja selbst nicht mal. Wir kannten nur das gute Gefühl, bißchen Kiffen, schwer verliebt sein, weg von zu Hause, im Auto Mixtapes hören, das war damals unsere Freiheit. Keiner von uns hatte es leicht zu Hause. Vielleicht ich am Schlimmsten. Irgendwann erzähle ich mal davon, wie es mir zu der Zeit zu Hause ging, es war schrecklich. Heute möchte ich mich nur daran erinnern, wie wir zu viert im Auto waren, Tupac hörten und schwer verliebt waren. Morgen frei, langes We, ich bin fertig und klaue jetzt höchstens noch Bier aus dem Keller vom Vermieter. Peace.



Donnerstag, 15. September 2011
Die zwölf-Stunden-Tage nehmen kein Ende. Und heute fühlte es zwischenzeitlich sich an, als steuere ich auf das nächste burnout zu. Ich bin leicht ausgerastet, vorm Chef geflucht und Bescheid gesagt, dass ich unheimlich schlechte Laune hätte. Ich schaute ihn an: seine Augen feuerrot, ihm ging es wohl auch nicht besser. Was denn los sei. Zu viel, zu viel, zu viel. Ich verrate mich nicht mit einem alles-zu-viel, ich tue so, als wären die jobtermine zu viel. Bei meinem Gehalt ist mein Stundenvolumen auch ein Witz. Ich brauche eine fette Gehaltserhöhung und genau das werde ich dem guten Mann auch nächste oder spätestens übernächste Woche eröffnen. Jetzt wirklich. Und ich muss dringend Steuern einreichen (sprich den fertigen Briefumschlag zum Steuerberater bringen) und Fahrkosten abrechnen. Bin recht pleite. Naja, was ist schon Geld, halb so wild. Habe nie Daddy angepumpt und ich weiß andere Väter gleichen regelmäßig Dispos zu "guten Konditionen" aus. Und ich habe noch nie gehört, dass das zurückgezahlt wurde. Also wenn alle Stricke reißen: Papa, aber natürlich wird es nie dazu kommen, denn dafür bin ich dann ja doch zu klasse und natürlich bekomme ich sowas immer wieder alleine hin. Wahrscheinlich rechnet er damit ;-)

Also irgendwie mal wieder kurz vor alles-zu-viel und es liegt nahe zu fragen, was denn da noch ist außer zu viel Arbeit, was ja schon seit Jaaahren in diesem Saftladen bei mir unter normalen Zustand abbuchbar ist. Was ist noch? Klar, ein Mann. Ein alles-zu-viel-Mann, ein Klassiker! Ich habe es mal wieder geschafft einen Klassiker aufzureißen. In wenigen Worten: einer, der nicht genau weiß. Bingo, Volltreffer, kennen wir ja. Und er ist natürlich ganz toll. Und wir verstehen uns natürlich blendend. Und jede Berührung fühlt sich natürlich unglaublich gut an, und natürlich habe ich sowas noch nie erlebt. Und er ist natürlich sehr intelligent, er ist natürlich hochbegabt. Ja, sagt die Lieblingsfreundin, sie wisse schon, ich ginge ja nur mit Hochbegabten ins Bett, und sicherlich sei ihm diese Hochbegabung gar nicht bewusst. Ja, richtig. Ist aber auch wirklich so. So Männer landen bei mir. Nicht die Streber. Die lonely-cowboys, die, die zu viel wissen um klar zu kommen.

Ich bleibe cool. Mein Blick ist klar. Er flashed mich, keine Frage. Aber ich komme klar. Bin bei mir. Bin nicht fixiert. Steigere mich nicht rein. Sehe der ganzen Sache entspannt entgegen. Mal sehen. Und dieses Gefühl ist klasse. Und ich spüre immer noch: seit dem Urlaub stehe ich wieder mit beiden Füßen fest auf dem Boden. Das ist gut, das ist verdammt gut, das war nötig. Ich genieße mich.

Ja, ich werde bald den Urlaub aufschreiben und selbstverständlich gibt es dazu dann auch wie immer das entsprechende Foto. Und ich möchte schreiben, über die Jugend von heute, über die süßen Jungs die auf twitter lese und von denen ich viel halte, und wie es mir erging als ich achtzehn war und ich möchte aufschreiben was ich letztes Jahr im Sommer erlebt habe, die Story ist schon seit c. überfällig und ich möchte erzählen wie mein Jobplan für 2012 aussieht und und und-----------------



Donnerstag, 1. September 2011
Et läuft. Ein Zwölf-Stunden-Tag jagt den nächsten. Ich hänge permanent am Telefon, telefoniere am Schreibtisch, beim Mittagessen, im Auto. Halte eine Präsi die ich mir kurz im Stau angeschaut habe. Ich glaube es war erfolgreich. Ich bearbeite nebenbei Sachen von der Kollegin. Mrs Perfect kann im Stress nicht cool bleiben, kann nicht wirklich kacheln. Ich erfreue mich. An Sonnenschein. An netten Telefonaten. An einem guten Mittagessen. An die überraschenden lieben Begegnungen mit der achtundsechsziger Familie bei der ich den letzten Sommer verbrachte, an einen Stau, an gute Musik im Autoradio, an Lächeln, ans Telefonat mit der Lieblingsfreundin, an der Nummer im Display der Bierfreundin die heile aus NY zurück ist, an meinen Haaren, an den neuen Schuhen, an die Musik in meiner Wohnung, an meinen gemütlichen Balkon, und daran, dass mein Kleingeld genau die Summe war, die ich für zwei Bier an der Tanke bezahlen musste. Things even out for me!!!