Donnerstag, 3. November 2011
Nach dem langen Treffen fahre ich einen Umweg. Ich habe es nicht eilig. Ich fahre aus der Plattenbausiedlung raus, durch die kurvigen engen Straßen und erinnere mich in etwa, wer da so alles früher wohnte. Mir fällt auf: ich kenne mich dort aus. Hatte ich schon fast vergessen. Fahre weiter aber nicht rechts zur Hauptstraße und den direkten Weg, sondern biege links ab und erinnere mich weiter. Rolle langsam den Berg hinab, durschstreife den Stadtteil. Ich fahre den Umweg, weil ich mich erinnern will. Nach ein paar km fühle ich mich um zehn, fünfzehn Jare zurückversetzt. Fasse routiniert an mein Kassettendeck, doch da läuft nichts. Ich fahre weiter den nächsten Umweg, fahre den nächsten Stadtteil ab, fahre durch eine nächste Epoche aus meinem Leben. Die Straßen leer und dunkel. Ich fühle mich verloren. Wie ein verlorenen Kind. So, wie ich mich in letzter Zeit viel zu oft fühle. Früher hatte ich diese Gefühl seltener. Sehr selten. Auch wenn alles schlimm war zu Hause, hatte ich doch immer das Gefühl einen Platz auf dieser Welt zu haben. Es ist als hätte sich dieses Platzlosgefühl erst jetzt herausgeschält, als wäre es früher noch einfach mehr ummantelt werden können. Vielleicht passt dazu was ich damals immer sagte zum Kiffen: die Tüte abends legt einen Mantel über alles Schlimme und man kann endlich zur Ruhe kommen. Alkohol ist anders. Alkohol schält. Alkohol ist eine ehrliche Droge. Alkohol ist eine harte Droge.



Dienstag, 1. November 2011
Nachdem sie erfuhren, dass er mit mir ein paar Nächte verbracht hatte, wollten sie ihn auch. Sie fingen an sich für ihn zu interessieren, nahmen ihn plötzlich als Mann wahr.

Und dann stehen sie wie Hyänen vor ihm, himmeln ihn an, begrabschen ihn. Ich schaue mir das Schauspiel an und empfinde Abschaum den Frauen gegenüber. Ihnen steht der Neid im Gesicht.



Samstag, 29. Oktober 2011
Um den heterogenen Teil des Abends kurz zu machen: er war nicht da. Eine Beobachtung noch kurz anbei in diesem Zusammenhang: in Zügen von Norden nach Süden sitzen Freitags Abends schöne Männer. Viele schöne junge interessante Männer. Anschauen, Blick halten, aber kein Gespräch angefangen, war zu fertig.

Die Partnerinnen von lesbigen Frauen scheuen mich. Habe ich jetzt schon mehrfach wahrgenommen. Heute auch wieder. Je jünger sie sind, desto mehr sehen sie mich als Bedrohung. Heute Abend gab es zum Glück nur reifere Frauen, keine jungen Dinger. Die Frau von der Frau die mich heute eingeladen hatte beispielsweise. Ich glaube wir haben uns noch nie unterhalten, kennen uns nur vom sehen und sie mich wahrscheinlich noch ein bißchen mehr aus Erzählungen. Mit ihrer Frau bin ich end-dicke. Sie hielt eine Rede und ich hatte gar nicht damit gerechnet, dass ich mehrfach erwähnt wurde. Zweimal ganz deutlich und alle schauten zu mir. Die Frau von der Frau lächelte mich an. Sie hat Respekt, sie findet mich interessant, keine Frage, aber sie ist selbstsicher genug, dass ich ihr nicht das Wasser reichen kann. Sie hat einen Lehrstuhl, gehört zu den Topwissenschaftlern in einem bestimmten Bereich im deutschsprachigen Raum. Und dennoch: sie nimmt mich wahr. Ich finds gut. Ich hätte mich gern mal heute mit ihr unterhalten aber es ergab sich nicht, unsere Blicke trafen sich ein paar Mal, wohlwollend, lächelnd, freundlich und wahrscheinlich reicht das auch einfach.

Ich unterhalte mich mit einer Chefin von ganz früher. Ganz früher. ltz. Ich sähe gut aus sagt sie. Klasse, alles richtig gemacht. Man sieht mir den ganzen Scheiß noch nicht an. Wir quatschen eine Runde, entwickeln kurz ein paar neue Angebote, tauschen uns aus und ich fühle mich einfach nur als hätte ich einen Platz in dieser Welt.
Dann treffe ich eine andere Frau von früher und ich freue mich end dass sie ohne ihre Freundin da ist. Sie riecht so unendlich gut. Ich rieche sie durch den ganzen Raum. Ich unterbreche ihr Gespräch mit einer anderen Frau und diese lässt sich von mir unterbrechen, schaut mich genau an, auch wohlwollend, aber genausten. Schließlich kann ich die andere Frau nach draußen ziehen und erfahre: sie hat aufgehört zu rauchen. Wir erzählen wie es uns geht, was das für ein Jahr ist, richtig scheiße oder gut und ich möchte sie einfach nur anfassen. Sie ist fünfzehn Jahre älter als ich. Nach einiger Zeit kann ich nicht mehr und streichel ihr über den Arm, an den Haaren. Ich weiß: wir werden beobachtet. Aber es waren nur korrekte Leute dort. Niemand der tratscht und sich an sowas hochziehen würde. Vielmehr: wer war diese junge Frau die bei Vereinzelten so bekannt, vertraut und geliebt ist.

Zwischendurch habe ich Sekt getrunken, tolle Bilder gesehen, mir das dreistöckige Atelier angeschaut, Bier getrunken, Worte auf Leinwände geschrieben, Fremde kennengelernt, nach einem Fotomotiv gesucht aber keins gefunden, mit zwei Heteromännern geredet, alleine draußen geraucht, eine Olive gegessen, eine junge sehr scöne Frau beobachtet und mir zum Abschied ein Wegbier mitgenommen.

Jetzt zu Hause ist es wieder soweit. Ich habe das neulich schon beim Psychologen durchdekliniert. Nach einem schönen Abend kann ich zu Hause nicht ins Bett fallen. Ich muss noch ein Bier aufmachen, mir den letzten Stoß geben. Es ist irgendwie was von wegen dieses Gefühl festzuhalten.

Jetzt Urlaub. Runterkommen. Und mal wieder im Schnelldurchlauf, innerhalb einer Woche. Aber das schaffe ich schon.

"Nimm dir das Leben und lass es nicht mehr los. Denn alles was du hast, ist dieses eine bloß. Nimm dir das Leben, und gibs nie wieder her, denn wenn man es mal braucht, findet man es so schwer. Wir sind doch keine Automaten, wir sind ein Wunder, du und ich, lass die andern weiterhetzen..........." Udo Lindenberg, unplugged.

Freue mich sehr darauf das ganze Album zu hören. Urlaub.