Bitter
Dass die Mutter zerbricht, dass ist so schlimm im Leben, das hält man nur einmal aus. Deswegen hat man nur eine. Sagte mir eine liebe alte Frau, eine Mutter, neulich mal. Und es ist wahr.
Man kann stundenlang drüber heulen, schreiben, grübeln, zerbrechen - was auch immer. Mit einem Wort kann man beschreiben wie es sich anfühlt wenn die Mutter zu Grunde geht: bitter. Es ist bitter. So bitter, dass man das Gesicht verzieht.
Der Trick wird sein, das bitter-verzogene Gesicht wieder zu lösen zu bekommen. Schwer. Ich habe auch noch keinen Plan. Aber wenn ich mit dir zusammen lachen werde, dann weiß ich, dass das für uns möglich ist. Die Frage ist nicht, wer es härter getroffen hat, die Frage ist, wer zuerst den anderen zum Lachen ansteckt. <3
Manchmal bin ich doch noch überrascht wie gut ich funktioniere. Von engen Vertrauten wird mir immer wieder attestiert, dass es unglaublich (stark) sei, wie ich immer wieder aufstehen kann, wie ich mich immer wieder selbst am Schopf aus dem Sumpf ziehe und wie ich bei alle dem noch so sehr aus dem Herzen lachen kann. Ich selbst sehe mich eher so verletzt wie ein Reh nach ein und dem nächsten Aufprallunfall am Boden liegen, aber dann gibt es doch auch für mich immer wieder die Momente in denen ich feststelle: wow, gar nicht so übel!
Beispiel: ich lerne seit Jahren durch den Scheißjob non stop interessante, einflussreiche, erfolgreiche, hochrangige Leute kennen. Leute mit enormen Netzwerken. Und zwischendurch sind da welche bei, die mich so sehr mögen und so viel von mir halten, dass sie mir ihr Netzwerk zu Gute kommen lassen wollen. Letztes Jahr war da zB dieser Kontakt zu diesem Mann, der mich auf sein Schiff eingeladen hat. Er arbeitet mittlerweile bei keinem Unternehmen mehr, berät nur hier und da selbstständig, genießt am We sein Leben auf seinem Segelschiff. Ich habe bestimmt darüber geschrieben, denn er hatte mich letztes Jahr eingeladen, mitzusegeln. Er hat Freude daran, Kollegen von früher zum Segeln einzuladen, überlegt immer wer mit wem gut zusammen passen könnte, zwischen wem ein interessanter Austausch zu stande käme und dann kommen diese Leute halt ein We vorbei. Das sind so Leute, die fliegen dann bis Amsterdam und fahren mit dem Taxi bis zum Schiff vor. Leute, die er halt "von früher, von seinen Jobs" kennt. Ich musste letztes Jahr absagen weil ich krank war. Dieser Mann hat Sonntag Geburtstag. Jetzt kommt´s: ich weiß ich hatte mit ihm noch Mails geschrieben, bevor der Kontakt abbrach. Und ich gestresstes Kind hatte vor Weihnachten keinen Kopf frei für Netzwerk-Weihnachtskarten. Gerade habe ich dann mal gecheckt, was ich zuletzt in eine Mail an ihn geschrieben hatte. Ich hatte gr Angst die Mail rauszusuchen, da ich irgendwas stark alkoholisiertes vermutete. Es ist einfach die Wahrheit: ich sitze hier abends und trinke und schreibe. Leider nicht immer nur hier sondern manchmal auch Emails. Aber siehe da: meine letzte Mail (es war spät abends) kam überhaupt nicht alkoholisiert rüber! Wie erstaunt ich gerade war! Klasse! Ich kann also guten Gewissen eine nette Geb-karte schicken!
Ich gehe wieder jeden Abend joggen, ich trinke unter der Woche abends höchstens Leicht-Bier, ich habe meine Papiere sortiert und einen Termin mit meinem Versicherungsmenschen gemacht, habe dem Chef deutlich gesagt dass ich keinen Bock auf Zickenkrieg mit der Kollegin habe, meine Freundinnen zu einem Mädelsabend eingeladen, Ecken in meiner Wohnung aufgeräumt, die in den Augen stehende Pisse getröstet und mich einfach über die Sonnenstrahlen gefreut, eine Urlaubsreise geplant und fast fertig gebucht und kümmere mich um mein Netzwerk. Vorsichtig formuliert: ich treibe mich wieder bergauf.
Fünf Jahr Saftladen ist übrigens auch gleich fünf Jahre Diagnose Alzheimer. Das war der Grund warum ich den Job in dem Saftladen hier in der Nähe angenommen habe. Das war der einzige Grund.
Ich habe mir was Neues überlegt. Ich denk mich nicht mehr rein. Ich stoppe die Gedanken einfach. Ich ziehe das seit Freitag durch und es läuft. Ich mache Sudoku, gehe raus, treffe Mensche, arbeite, plane Urlaub, schaue Fussball, und trinke Bier - wie sonst auch. Ich habe begriffen, es hilft und heilt nicht wenn ich mich reindenke, es ändert nichts. Mir gehts dann nur schlechter. Ich kann doch einfach nicht mehr. Und eigentlich hat auch niemand erwartet, dass ich mich kaputt mache.
Ich habe gestern eine Frau kennengelernt, die mir nicht aus dem Kopf geht.
Sie ist Mitte/Ende vierzig, sieht gut aus, eine schöne Frau, klein und zierlich, aber feminin mit Rundungen, hübsches Gesicht, klasse Ausstrahlung. Ich beobachte sie in Gesprächen, wie sie aus dem Herzen lacht, wie das Schöne an ihr auch von innen kommt. Es klingelt an der Tür - jetzt kommt der Junge! - beoachte weiter, registriere diesen kleinen blonden Jungen, ihr Enkelkind?, sie ist unendlich einfühlsam, diese tolle Frau mit diesem kleinen Wesen, so liebvoll, beide zusammen so glücklich, irgendwas passt nicht....
Das ist ihr viertes Kind, höre ich in den Gesprächen am Tisch, ich kann dem Gespräach ncihts zutun, nur zuhören, ich bin zu fertig. Die Blicke vom Kind und mir treffen sich, wir lächeln uns an, ja sie wünschten irgendwie auf einmal noch ein Kind, die anderen Kinder sind irgendwas um die zwanzig, Gesprächsfetzen, die Ärztin hat die Untersuchung gemacht um "es" auszuschließen, für sie gab es keine Ausschließung, ganz normale Schwangerschaft, ganz normale Geburt, und sie sei so stolz gewesen.
Ich kenne Frauen mit behinderten Kindern. Wirklich. Darunter auch tolle Frauen. Aber sowas liebevolles, selbstverständliches habe ich noch nie erlebt.
overloaded am 04. April 12
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